Meinung : Was Wissen schafft: D-Zug im Ohr

Alexander S. Kekulé

Etwa drei Millionen Deutsche leiden unter krankhaften Ohrgeräuschen. Den Horror im Hörorgan erahnt der Gesunde aus drastischen Schilderungen: "Wie ein D-Zug, der durchs Zimmer fährt", "Kindergeschrei so laut wie ein Presslufthammer" oder "Schmerzhaftes Quietschen, als würde einem der Hörnerv aufgespießt". Subtiler quält ein dissonantes, viergestrichenes "E" in Smetanas Streichquartett "Aus meinem Leben" den Zuhörer: In dessen letztem Satz hat der Komponist sein Ohrpfeifen und die beginnende Taubheit autobiographisch vertont. Enttäuscht von den Ärzten des späten 19. Jahrhunderts vertraute sich Smetana einem russischen Wunderheiler an - doch auch dessen Punktionen bewirkten nichts als schmerzhafte Schwellungen und hohe Kosten.

Bis heute ist die Therapie des Hörsturzes ein hoffnungsloses Unterfangen. Außer Kortison, das einem kleinen Teil der Patienten hilft, hat keine der unzähligen Behandlungsmethoden - von Infusionen über Laserbestrahlung bis Ginkgo-Extrakt - einer wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten. In den USA bekommen die Patienten daher nur noch Ruhe und Entspannung verordnet - dabei werden immerhin zwei Drittel von ihnen ganz von selbst wieder gesund. Einzig die deutschen HNO-Ärzte wollen von der international akzeptierten "Nullbehandlung" nichts wissen: Sie weisen jeden Hörsturz-Patienten als Notfall in die Klinik ein und verabreichen tagelang Infusionen und durchblutungsfördernde Medikamente - eine Therapie, deren Wirksamkeit in keiner einzigen kontrollierten Studie nachgewiesen wurde. Dafür reichen die Nebenwirkungen von Juckreiz über Nierenschäden bis zu schweren allergischen Reaktionen und Kreislaufschock.

Das nutzlose Herumdoktern auf Krankenschein basiert auf einer alten Theorie, wonach eine Gefäßverstopfung im Innenohr für den Hörsturz verantwortlich sei. Gegen diese Vorstellung vom "Ohrinfarkt" spricht allerdings, dass die klassischen Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen, etwa Rauchen oder Gefäßverkalkung, bei Hörsturz-Patienten nicht gehäuft festzustellen sind. Da auch das für Infarkte anderer Organe typische, abgestorbene Gewebe im Innenohr nicht gefunden wurde, ist die Theorie vom "Ohrinfarkt" unter Wissenschaftlern inzwischen vom Tisch. Statt dessen deuten neuere Forschungsergebnisse darauf hin, dass ganz unterschiedliche Schädigungen des Innenohrs, darunter Virusinfektionen und gestörte Immunreaktionen, das gemeinsame Symptom "Hörsturz" auslösen können. Das würde immerhin erklären, warum die Unterdrückung der Immunantwort durch Kortison die einzige Therapie ist, deren Wirksamkeit bei bestimmten Hörsturz-Patienten bewiesen werden konnte. Da wissenschaftliche Kriterien fehlen, bestimmen nicht zuletzt wirtschaftliche Gesichtspunkte das ärztliche Handeln: Jeder Tag stationäre Infusionstherapie bringt mehrere Hundert Mark, zusätzlich wird etwa eine Milliarde jährlich für gefäßerweiternde Mittel bei Hörsturz und Tinnitus ausgegeben. Dagegen wird die Druckkammer-Behandlung mit Sauerstoff, deren Wirksamkeit bei Hörsturz immerhin im Tierexperiment bewiesen ist, seit kurzem nicht mehr bezahlt: HNO-Ärzte und Pharmafirmen haben zwar keine besseren fachlichen Argumente als die Druckkammer-Betreiber - dafür aber eine wesentlich stärkere Lobby.

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