Meinung : Was Wissen schafft: Das Geheimnis der Ministerin

Alexander S. Kekulé

Für Politiker sind die unangenehmsten Katastrophen solche, die vorher angekündigt werden: Treffen sie keine Vorbereitungen, ist im Ernstfall der Rücktritt fällig. Machen sie umgekehrt zu viel Wind, werden sie im Zweifel der Geldverschwendung und Panikmache beschuldigt. Zum Glück gibt es jedoch noch einen dritten Weg, den man seit Tschernobyl und BSE getrost als den "deutschen" bezeichnen darf: Das Problem so lange wie möglich herunterspielen und später rechtschaffen überrascht tun.

Vergangene Woche hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt vorgemacht, wie dieser teutonische Schutzreflex in Sachen Bioterrorismus funktioniert: Erstens haben die Behörden bei den Milzbrand-Verdachtsfällen in Thüringen und Schleswig-Holstein nicht etwa katastrophal versagt, sondern im Gegenteil ihre hervorragende Vorbereitung auf Anthrax und Co. unter Beweis gestellt. Zweitens sind die Pocken - vor denen sich Terrorexperten auf der ganzen Welt fürchten - für Deutsche ab sofort kein Problem mehr, da die Ministerin flugs sechs Millionen Einheiten Impfstoff für 100 Millionen Mark gekauft hat - Problem erkannt, Gefahr gebannt. Eine wohltuende Erfolgsmeldung für die sonst eher glücklose Ministerin, deren Gesundheitsreformpaket gerade nach dem Motto "Lesen, Lachen, Lochen" (FT Deutschland) von den Pharma-Lobbyisten zerrupft wird.

Zweifel an der ministerialen Beruhigungspille sind jedoch angebracht. Seit der Ausrottung der Pocken in den 70er Jahren wurde weltweit kein Impfstoff mehr produziert (außer womöglich in der Sowjetunion im Rahmen ihrer geheimen Biowaffen-Programme). Die USA besaßen Anfang der 90er Jahre noch maximal 15 Millionen Dosen aus Restbeständen, die Weltgesundheitsorganisation soll ebenfalls eine Uralt-Reserve von etwa 1,5 Millionen Einheiten eingelagert haben. Wie viele der über 20 Jahre alten Ampullen noch brauchbar sind, ist jedoch ungewiss. Wenn die Ministerin in dieser Situation quasi über Nacht sechs Millionen Einheiten einwandfreien Pockenimpfstoff besorgt hätte, wäre ihr ein unglaublicher Coup gelungen. Die entscheidende Frage, woher sie den Stoff bekommen hat, bleibt jedoch ihr Geheimnis.

Davon abgesehen wäre das Problem auch mit der Verfügbarkeit des Pockenimpfstoffs keineswegs gelöst. Der Oldtimer wurde bis zuletzt im wesentlichen nach der Rezeptur seines Erfinders Edward Jenner aus dem Jahre 1796 hergestellt. Im Gegensatz zu modernen Verfahren, bei denen abgetötete Erreger oder ungefährliche Virusbestandteile verwendet werden, enthält der älteste Impfstoff der Welt lebende Kuhpocken-Viren. Deren erhebliche Nebenwirkungen reichen von der regelmäßig auftretenden "Impfkrankheit" mit Fieber und Appetitlosigkeit bis zur tödlichen Gehirnentzündung. Darüber hinaus kann der Impfling seine Umgebung mit Kuhpocken infizieren, was aufgrund des fehlenden Immunschutzes heute weit gefährlicher wäre als zur Zeit der Impfkampagnen vor 30 Jahren.

In den USA ist deshalb ein dramatischer Wettlauf um die Entwicklung eines neuen, sicheren Pockenimpfstoffs entbrannt. Insgesamt 1,6 Milliarden Dollar hat Präsident Bush zur Bekämpfung des Bioterrorismus bereitgestellt, davon weit über 100 Millionen jährlich für die Forschung. In Deutschland hat die Gesundheitsministerin gerade mal eine "Zentrale Informationsstelle" bei dem ihr unterstellten, mit Biowaffen unerfahrenen Robert-Koch-Institut eingerichtet. Statt eine Ressortministerin ohne Akzeptanz und Vision vorzuschicken, sollte der Kanzler die Bedrohung durch den Bioterror schnellstens zur Chefsache machen.

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