Was WISSEN schafft : Die Verbreitung der Seuche lässt sich bremsen

Dass der Papst Kondome verbietet, weiß jeder. Dass diese Vorschrift im Zeitalter von Aids einigermaßen weltfremd ist, weiß auch beinahe jeder. Müssen wir also immer wieder darüber diskutieren?

Alexander S. Kekulé

Offenbar ja, denn der Papst selbst will es so. Bereits auf dem Flug nach Afrika stellte er klar, dass die Position des Heiligen Stuhls in Sachen Aids unverändert hart ist: „Kondome lösen das Problem nicht“, sagte er, „im Gegenteil, es besteht das Risiko, mit der Verteilung von Kondomen das Problem zu vergrößern.“ Insbesondere die zweite Aussage ist ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die sich seit Jahrzehnten gegen die Ausbreitung der Seuche engagieren – ein Großteil der Selbsthilfegruppen geht sogar aus christlichen Gemeinden hervor.

Zudem ist die Behauptung, Kondome verschlimmerten das Aids-Problem, wissenschaftlich grober Unsinn. Bei richtiger Anwendung schützen Kondome sehr effektiv gegen Aids. Erst kürzlich bestätigte eine Studie der renommierten Cochrane Collaboration, dass Kondome das mittlere Übertragungsrisiko des Aids-Erregers HIV um rund 80 Prozent verringern. Bei Prostituierten und anderen Risikogruppen lässt sich eindeutig zeigen, dass die Benutzung von Kondomen die Verbreitung der Seuche bremst – auch und gerade in Afrika.

Die katholische Kirche hat harte Konkurrenz auf dem Kontinent, der zwei Drittel aller HIV-Infizierten beherbergt. Zwar sind insgesamt etwa 45 Prozent der Afrikaner Christen. Doch haben sich zahlreiche Missionsgemeinden verselbstständigt und sind als afrikanische Formen der evangelischen, anglikanischen, baptistischen und anderer protestantischer Kirchen sehr aktiv. Daneben gibt es die „Afrikanischen Unabhängigen Kirchen“, die als Gegenbewegung zur Mission entstanden und traditionelle spirituelle Elemente integriert haben. Im südlichen und östlichen Afrika gehören mehr als zehn Prozent den Unabhängigen Kirchen an, die starken Zulauf erfahren. Der Islam schließlich hat, mit etwa 40 Prozent, in Afrika mehr Anhänger als die katholische Kirche. Die expandierenden muslimischen Gemeinden, die besonders in Nord- und Westafrika sowie an der ostafrikanischen Küste dominieren, werden aus dem Iran und aus Saudi-Arabien unterstützt.

Glücklicherweise zeigen sich nicht alle Kirchen in Bezug auf Kondome so starrsinnig wie die katholische. Fast alle protestantischen Gemeinden Afrikas sprechen sich für Kondome zur Aids-Bekämpfung aus, viele beteiligen sich aktiv an den Kampagnen. Auch die unabhängigen Kirchen sehen das mehrheitlich so.

Sogar der Islam beginnt langsam, das Thema zu enttabuisieren. Die Religionsführer aus 25 afrikanischen Staaten verabschiedeten im Jahre 2005 eine Erklärung, die den Gebrauch von Kondomen zumindest bei verheirateten Paaren erlaubt. Im November 2007 verfasste eine Konferenz islamischer Religionsgelehrter in Johannesburg eine Fatwa, die diese eingeschränkte Erlaubnis bestätigt. Radikale Kondomgegner, wie der Imam von Garissa im Norden Kenias und die fundamentalistischen Hardliner im Sudan, sind zum Glück in der Minderheit.

Im vergangenen Jahr wurde auch der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki, der die Übertragbarkeit von Aids vollends bestritt, endlich abgelöst. Demnächst werden sich afrikanische Männer wohl nur noch auf den Papst berufen können, wenn sie keine Kondome benutzen wollen.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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