Was WISSEN schafft : Heparin aus Schweinedarm

Mindestens 19 US-Bürgern wurde verunreinigtes Heparin „made in China“ gespritzt. Laut chinesischer Regierung aber ist alles unter Kontrolle. Alexander S. Kekulé, Professor für Medizinische Mikrobiologie, plädiert für bessere Kontrollen der Medikamente aus China.

Alexander S. Kekulé

Die chinesische Führung hat alles unter Kontrolle, wie üblich. Am Karfreitag ließ sie vermelden, Hersteller von Rohmaterial für Medikamente würden ab sofort registriert. Natürlich nur vorsorglich und ohne Schuldbekenntnis, denn Peking könne nichts für den Tod von mindestens 19 US-Bürgern, denen verunreinigtes Heparin „made in China“ gespritzt wurde. Schließlich seien die Industrieländer selber schuld, wenn sie Importware nicht besser auf Herstellungsfehler prüfen. Sachkundige Beobachter lobten die zynische Verlautbarung dennoch als ethischen Fortschritt – bisher reagierte die kommunistische Staatsführung in ähnlichen Situationen mit viel gröberen Attacken.

Den Protagonisten des aktuellen Pharmaskandals kennt jeder Mediziner seit dem ersten Semester: Heparin, ein seit Jahrzehnten millionenfach eingesetztes Medikament zur Verhinderung von Blutgerinnseln. Was jedoch kaum bekannt ist: Der unter die Haut gespritzte Wirkstoff wird aus tierischen Abfällen gewonnen, über die Hälfte der Weltproduktion stammt aus China. Ausgangsmaterial ist Schweinedarm, der großenteils in ländlichen Kleinbetrieben verarbeitet wird. Arbeiter quetschen die heparinhaltige Schleimhaut aus dem Gedärm, versetzen sie mit Natronlauge und erhitzen das Ganze in offenen Kesseln auf 60 Grad. Nach zehn Stunden ist ein übel riechender Brei entstanden, aus dem das rohe Heparin mit Hilfe eines speziellen Harzes (Ionenaustauscher-Harz) abgetrennt und dann getrocknet wird. Etwa 3000 Schweinedärme werden für ein Kilo Rohheparin benötigt. Die bräunliche, gummiartige Substanz gelangt für 600 Euro das Kilo über Zwischenhändler in pharmazeutische Fabriken. Die chinesische Regierung kontrolliert bisher zwar die Pharmahersteller, jedoch nicht die unzähligen, über das Riesenreich verstreuten Zulieferer.

Ende vergangenen Jahres erlitten im US-Bundesstaat Missouri vier nierenkranke Kinder nach der Gabe von Heparin der Firma Baxter schwere allergische Reaktionen. In der Folgezeit traten die sonst extrem seltenen Nebenwirkungen bei knapp 800 Amerikanern auf, mindestens 19 starben im allergischen Schock. Auch aus Deutschland wurden 80 schwere allergische Reaktionen gemeldet, bis das verantwortliche Heparin des Herstellers Rotexmedica Anfang März vom Markt musste.

Vergangene Woche kam nun, nach monatelangen Analysen, die wahrscheinliche Ursache der Tragödie ans Licht: Heparin aus China war mit 20 bis 50 Prozent Chondroitinsulfat gestreckt, einem billigen, aus Knorpel gewonnenen Nahrungsergänzungsmittel. Durch vorsätzliche Behandlung mit Schwefelsäure wurde das Chondroitinsulfat offenbar „übersulfatiert“, wodurch es chemisch dem Heparin ähnelt und bei routinemäßigen Qualitätskontrollen nicht auffällt. Jetzt wird weltweit fieberhaft nach weiteren gepanschten Heparin-Chargen fahndet. 85 Prozent der chinesischen Produktion gehen nach USA, Österreich, Frankreich, Italien und Deutschland.

Der Heparin-Skandal ist kein Einzelfall. Vor zwei Jahren erkrankten in Panama mehrere hundert Menschen, mindestens 115 starben. Schuld war ein Hustensaft, der mit einem aus China gelieferten, verunreinigten Rohstoff (Diethylenglykol) hergestellt wurde. Dasselbe Gift tauchte in den USA in Zahnpasta aus China auf. Auch die Rohstoffe für illegale Dopingmittel kommen Schätzungen zufolge zu über 95 Prozent aus China. Erst im Februar wurde in Südchina ein Labor ausgehoben, das jahrelang in großem Stil das Malariamittel Artesunate fälschte. Bei Stichproben in von China belieferten Ländern Südostasiens erwies sich rund die Hälfte der Artesunate-Packungen als wirkungslos. Dadurch besteht die Gefahr, dass der Malariaerreger gegen das Mittel resistent wird.

Wie viele zehntausend Menschen weltweit durch verunreinigte, gefälschte und illegale Arzneistoffe aus China sterben, kann man nur erahnen. Ironischer Weise hat die Pekinger Führung selbst die einzig richtige Konsequenz genannt: Arzneiimporte aus China müssen auf das Schärfste kontrolliert werden. Vielleicht verhilft der dann notwendige Aufwand den großen Pharmafirmen zu der Erkenntnis, dass billiger nicht immer besser ist.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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