Meinung : Was Wissen schafft: High-Tech für Klauentiere

Alexander S. Kekulé

Für holländische Kühe ist die Lage seit letzter Woche wieder etwas besser geworden: Der ständige Veterinärausschuss der Europäischen Kommission hat begrenzte Schutzimpfungen gegen Maul- und Klauenseuche (MKS) genehmigt. Die Tiere bekommen zwar einen hässlichen Stempel "MKS geimpft" in den Tierpass und dürfen ihre Region ein Jahr lang nicht verlassen, ihre Milch kann nur noch pasteurisiert und ihr Fleisch gut abgelagert verkauft werden. Angesichts des sonst drohenden Scheiterhaufens dürften die Rindviecher das Fahrverbot jedoch gerne hinnehmen - zumal sowieso landesweiter Transport-Stopp für Klauentiere besteht.

Derweil müssen die Artgenossen hier zu Lande ohne Immunschutz auskommen - die Europäische Union erlaubt Impfungen gegen die Maul- und Klauenseuche nur, wenn alle anderen Mittel versagt haben: Zuerst wird versucht, aufflammende Seuchenherde durch Absperren und Keulung auszutreten. Wenn dieses "stamping out" zu langsam vorangeht, darf im Umkreis von zwei Kilometern eine "Suppressivimpfung" durchgeführt werden, nach der die Tiere ebenfalls getötet und verbrannt werden müssen.

Künasts riskantes Spiel

Bleibt die Lage auch danach weiter außer Kontrolle, kann die Europäische Union schließlich für bestimmte Regionen die lebensrettenden "Schutzimpfungen" erlauben - Großbritannien und Holland haben jetzt diese Notbremse gezogen. Wegen der strengen EU-Regeln lehnt Ministerin Renate Künast vorsorgliche Schutzimpfungen ab - obwohl die Seuche bereits wenige Kilometer hinter der Grenze tobt.

Die Ministerin, der neue Star der Bündnisgrünen im Kabinett, pokert damit ziemlich hoch: Wenn der improvisierte Schutzschild aus Desinfektions-Wannen, Grenzkontrollen und Stichproben von Vesper-Paketen hält, darf sich Deutschland weiter "MKS-frei ohne Impfung" nennen. Bricht das Virus jedoch ein, wird auch hier zu Lande geschehen, was im Moment in aller Drastik in Großbritannien passiert. Dann werden auch bei uns Polizeibrigaden gegen protestierende Bauern ausrücken und Scheiterhaufen anzünden müssen.

Besonders betroffen wären ausgerechnet die von der grünen Ministerin favorisierten ökologisch arbeitenden Bio-Betriebe: Neu gekaufte Tiere müssen jahrelang auf ökologische Haltung umgestellt werden, bevor sie als "Bio" vermarktet werden dürfen. Die Ministerin wird daher nicht müde, die vermeintlich wissenschaftlichen Argumente gegen die MKS-Schutzimpfung zu wiederholen - doch gerade die sind unter Fachleuten höchst umstritten.

Das Hauptargument, man könne geimpfte von infizierten Tieren nicht unterscheiden, ist schlichtweg falsch: Bei der Infektion mit dem MKS-Virus werden unter anderem so genannte NSP-Antikörper gebildet, die bei geimpften Tieren fehlen. Bluttests, die anhand der NSP-Antikörper infizierte von geimpften Tieren unterscheiden, stehen seit einiger Zeit zur Verfügung. Ihre generelle Anwendung wurde bereits 1999 von der für MKS zuständigen Kommission der Welternährungsorganisation (FAO) empfohlen.

Auch das viel zitierte Problem, den Impfstoff schnell genug in ausreichender Menge zu beschaffen, ist durchaus lösbar: Bei Gefahr im Verzuge erlaubt das Tierseuchengesetz den Verzicht auf das langwierige Zulassungsverfahren, wodurch die Produktion nur knapp zwei Wochen dauert. Obendrein läuft die Impfstoffproduktion beim deutschen Hersteller Bayer seit Wochen auf Hochtouren: Bis die eingelagerten gut zwei Millionen Dosen verimpft sind - ein Veterinär schafft höchstens tausend Tiere am Tag - wäre längst neuer Impfstoff nachproduziert.

Abschied vom Mittelalter

Schließlich ist der verfügbare Impfstoff "O1 Manisa", allen ministerialen Zweifeln zum Trotz, gegen den derzeit grassierenden "Virustyp O" voll wirksam. Neueren Untersuchungen zufolge führt die Impfung sogar schon nach vier Tagen zu einem gewissen Schutz vor der Maul- und Klauenseuche: Obwohl einzelne Tiere noch erkranken, wird das Virus kaum noch ausgeschieden, die Ausbreitung ist gestoppt.

Die Voraussetzung ist allerdings, dass prophylaktisch, also vor dem Ausbruch der Seuche geimpft wird. Ein einmaliges Not-Impfprogramm müsste also sofort beginnen, zuerst in den am meisten gefährdeten Regionen. Wenn die Situation erst europaweit unter Kontrolle ist, könnten die noch nicht geschlachteten Tiere mit Hilfe des NSP-Tests freigegeben werden. Voraussetzung wäre allerdings, dass die EU beim Umgang mit der Kreatur vom mittelalterlichen Verbrennungsritual auf moderne Impfstoffe und Antikörper-Tests umsteigt.

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