Was WISSEN schafft : Immer eine Epo-Dosis voraus

Ob Tour oder Spiele – dem Doping ist nicht beizukommen. Und Ärzte und Athleten probieren ständig neue Methoden aus, egal wie gefährlich sie sind.

Alexander S. Kekulé

Richtiges Timing ist im Sport alles. Der Lehrsatz gilt auch für die Berichterstattung: Das Podium in Paris wurde gerade abgebaut, da sickerte der vierte Dopingfall der diesjährigen Tour de France durch. Damit übertrifft das Radspektakel sein Vorjahresergebnis in Sachen Doping bereits, noch bevor alle Proben untersucht sind. Zur Kenntnis nahm den Rückfall jedoch niemand mehr so recht, im Gegenteil: Veranstalter und Teamchefs lobten sich gegenseitig für die Säuberung des Radsports. Die aufgeflogenen Dopingsünder, so die zynische Argumentation, bewiesen doch nur, wie gut die Kontrollen funktionieren.

Von derartigen Propagandasprüchen könnten sogar die Chinesen noch lernen. Deren Olympiateilnehmer mussten vergangene Woche einen Antidopingeid auf die rote Fahne schwören. Zuvor hatte China, aus dem rund 95 Prozent der weltweit vertriebenen Dopingmittel kommen, drei großen Herstellern die Lizenzen entzogen und 125 kleinere Pharmafirmen mit Geldstrafen belegt. Bis zur Eröffnung der Spiele am 8. August, so die Botschaft, sollen China und seine Athleten sauber sein.

Ob das gelingt, darf bezweifelt werden. In keinem anderen Land sind Dopingmittel so weit verbreitet und leicht erhältlich. Eine international viel beachtete ARD-Reportage deckte vergangene Woche auf, dass im „Reich der Mittel“ sogar Gendoping zu haben ist. Vor versteckter Kamera bot ein Krankenhausarzt eine Stammzelltherapie zur Leistungssteigerung an, für 24000 Dollar. Peking protestiert gegen angebliche Verleumdung: Der chinesische Staat habe mit Doping nichts zu tun, schwarze Schafe gebe es überall. Zudem existiere kein funktionierendes Gendopingverfahren.

Fairerweise muss man einräumen, dass die (ansonsten hervorragend recherchierte) ARD-Reportage den Beweis schuldig blieb, ob in China auch heute noch von Staats wegen gedopt wird. Die gezeigten Interviews mit Ex-Aktiven belegen dies nur für frühere Jahre – dass damals China, der gesamte Ostblock und auch westliche Staaten ihre Athleten mit Hormonen vollstopften, bezweifelt jedoch niemand. Es ist auch richtig, dass „Gendoping“ bislang nicht funktioniert: Weil die genetische Behandlung von Krankheiten (Gentherapie) nicht recht vorankommt, gibt es auch keinen Missbrauch dieser Methode. Die Stammzelltherapie des chinesischen Arztes wäre wirkungslos gewesen. Sie hätte deshalb nicht einmal die rechtliche Definition von Doping erfüllt.

Das Stammzellangebot und die Dopingfälle der Tour belegen jedoch eine andere, nicht weniger beunruhigende Entwicklung: Ärzte und Athleten probieren ständig neue Methoden aus, selbst wenn diese gefährlich und in der Wirkung unsicher sind. Und sie glauben zu Recht, die Dopingkontrolleure überlisten zu können.

Mit den derzeitigen Mitteln ist der Kampf gegen das Doping tatsächlich nicht zu gewinnen. Für das Blutdopingmittel Epo etwa gibt es zahlreiche ähnlich wirkende Ersatzstoffe mit unterschiedlicher Verweildauer im Körper. Wenn ein Sportler geschickt kleinste Dosen verschiedener Mittel nimmt und die Zahl seiner roten Blutkörperchen nur bis zu einer gewissen Grenze erhöht, ist ein Nachweis während des Wettkampfes nahezu unmöglich.

Ähnlich verhält es sich bei den Anabolika. Neuartige Muskelförderer bleiben so lange nicht nachweisbar, bis ein spezieller Test entwickelt wurde. Und selbst dann kann eine genau berechnete Einnahmepause vor dem Wettkampf den Nachweis vereiteln: Die gerade überführte US-Schwimmerin Jessica Hardy war nur am 4. Juli knapp positiv für Clenbuterol – drei Tage vorher und zwei Tage später war die muskelaufbauende Substanz nicht nachweisbar.

Die erwischten Doper sind deshalb immer nur die Spitze des Eisberges. Um den lebensgefährlichen Wettlauf der Wirkstoffe zu beenden, müssten Spitzensportler auch außerhalb der Wettkämpfe überwacht werden. Damit könnten eingenommene Mittel rechtzeitig nachgewiesen werden; zudem würde sich Doping an Veränderungen der Leistungskurven und Blutwerte zeigen. Doch solche „Trainingskontrollen“ finden bisher nur auf nationaler Ebene statt.

Die Kontrolleure der Welt-Anitdopingagentur haben Visa für die Spiele bekommen. Vor- und nachher gibt es jedoch keine internationalen Kontrollen – richtiges Timing ist im Sport eben alles.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben