Meinung : Was Wissen schafft: Leben mit der Plastik-Pumpe

Alexander S. Kekulé

Offiziell war das Experiment ein Erfolg. Vor seiner Operation war der schwer herzkranke Robert Tools ans Bett gefesselt, konnte kaum essen oder den Kopf heben. Das Herz des 59-Jährigen war so schwach, dass Lunge und Nieren wegen mangelnder Durchblutung zu versagen begannen. Statistisch hatte der Amerikaner eine 20-Prozent-Chance, den nächsten Monat zu überleben. Als die Ärzte in Louisville (Kentucky) am 2. Juli das neue Kunstherz "AbioCor" einsetzten, definierten sie deshalb ein bescheidenes Ziel: eine Überlebensdauer von 60 Tagen.

Knapp fünf Monate später, am vergangenen Freitag, ist Tools gestorben. Das Kunstherz "AbioCor" wird von seinen Erfindern als medizinische Sensation gefeiert: Über 20 Millionen Mal habe es ohne Fehler geschlagen, schwärmt die Herstellerfirma Abiomed, der Tod Tools sei nicht auf eine Fehlfunktion der Wundermaschine zurückzuführen. Tatsächlich war die Plastikpumpe von der Größe einer Pampelmuse zuletzt das einzige, was in Tools Körper noch funktionierte.

Im Gegensatz zu bisherigen Ersatzherzen, die über Schläuche mit einem Aggregat außerhalb des Körpers verbunden waren, ist AbioCor vollständig autonom, sogar die Batterie wird induktiv durch die unversehrte Haut geladen. In seinem Innern schiebt ein hydraulischer Antrieb mit Elektromotor eine flexible Membran hin und her, die abwechselnd die rechte und die linke Kammer des Kunstherzens komprimiert. So pumpt das 900 Gramm schwere High-Tech-Gerät Blut in die Lunge und den großen Kreislauf.

Die technische Sensation ist medizinisch allerdings umstritten. Tools erlitt bereits vor Wochen einen schweren Schlaganfall, weil sich am Kunstherz ein Blutgerinnsel gebildet hatte. Daraufhin mussten die Medikamente zur Blutverdünnung erhöht werden, was wiederum zu einer tödlichen inneren Blutung führte. Die Alternative sind kleine Pumpen, die zur Unterstützung eingesetzt werden, ohne das kranke Herz herausschneiden zu müssen. Diese "Herzunterstützungssysteme" haben den Vorteil, dass Probleme mit der Blutgerinnung seltener auftreten. Wie eine Studie zeigte, können sich durch diese Entlastung sogar schwer kranke Herzen nach ein bis zwei Jahren wieder erholen.

Diese überraschende Regenerationsfähigkeit lässt hoffen, dass die chronische Herzschwäche eines Tages geheilt werden kann, entweder durch Medikamente oder mit aus Stammzellen gewonnenem Muskelgewebe. Im Moment steht die Medizin bei der Behandlung der Herzinsuffizienz jedoch noch am Anfang: Die Hälfte aller Patienten stirbt innerhalb von fünf Jahren.

Angesichts dieser Prognosen wird es weiterhin Menschenversuche wie das umstrittene AbioCor-Experiment geben. Seit Juli wurde das Kunstherz bereits fünf weiteren Patienten eingepflanzt: Einer starb bei der Operation, ein anderer wird seit Wochen künstlich beatmet. Die Weiterentwicklung der Stammzell-Therapie und anderer schonender Behandlungsmethoden tut Not. Kunstherz-Patient Tools wird diese neue Ära der Medizin nicht mehr erleben. Er war nach der Operation schon glücklich, dass er aufstehen und kleinere Ausflüge aus der Klinik unternehmen konnte. Gerüchte, er sei nur als Versuchskaninchen benutzt worden, wies er energisch zurück.

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