Was WISSEN schafft : Mütter sind keine Mäuse

Was gestern nur das vorläufige Ergebnis eines Mausexperiments war, mutiert viel zu schnell in Diätpläne und Verhaltensvorschriften für Schwangere. Das grenzt an „Epi-Eugenik“.

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Die Sache ist klar: Die Mütter sind schuld. Und die Großmütter auch. „Warum Sie sich Sorgen über Omas Essgewohnheiten machen sollten“, titelt die Website „Mother Nature Network“. Denn das, was Oma einst Mieses gegessen hat, erhöht das Krebsrisiko nicht nur bei ihren Kindern, sondern sogar bei ihren Enkeln. Beim respektablen Wissenschaftsmagazin „Discover“ sind Omas und Mamas „lausige“ oder „aufregende“ Kindheit sogar verantwortlich für die Persönlichkeitsentwicklung des Nachwuchses. Und die BBC nimmt sie für die Diabetes- und Fettsuchtepidemie in Haft. Mama hat nämlich nicht an die Epigenetik gedacht: Was immer eine Schwangere isst oder tut, hinterlässt eine Art Prägestempel auf dem Erbgut. Und mit dem müssen die Kinder und Kindeskinder dann leben.

So ist es jedenfalls, wenn man blindlings glaubt, dass Tierexperimente eins zu eins auf den Menschen übertragbar sind. Denn dass die Ernährung während der Schwangerschaft die Krebshäufigkeit der ersten und zweiten Generation beeinflusst, wurde an Ratten getestet – speziellen Ratten, die besonders leicht Krebs bekommen und die eine unnatürliche Hochfettdiät bekamen.

Normalerweise dauert es Jahre und Jahrzehnte, bis Forschungsergebnisse in Form einer Therapie in der klinischen Praxis landen. Das hat gute Gründe. Denn was in den Labors an Zellkulturen oder Mäusen herausgefunden wird, stellt sich später oft als weit entfernt von der Realität der menschlichen Physiologie heraus. Erst klinische Studien können beweisen, ob eine Therapie den Patienten nützt oder schadet.

Nach der Eugenik jetzt "Epi-Eugenik"

Gut gemeinte Ratschläge aus der Wissenschaft zur „gesunden Ernährung“ hingegen scheinen sich um solche Prüfmechanismen nicht zu scheren. Sie nehmen munter die Abkürzung, egal, wie wacklig und vorläufig die wissenschaftliche Grundlage ist. Epigenetik ist ein junger Forschungszweig und weit davon entfernt, erklären zu können, wie Umwelteinflüsse menschliche Gene beeinflussen. „Trotzdem beeinflussen epigenetische Risikobotschaften schon jetzt die klinische Praxis“, sagt Eric Juengst von der Universität von North Carolina in Chapel Hill in einem Artikel für das Fachblatt "Cell". Beispielsweise würden übergewichtige Schwangere bereits als „Hochrisiko“-Patienten eingestuft, angehalten, Gewicht zu reduzieren und während der Schwangerschaft beobachtet, „um das epigenetische Risiko für ihren Nachwuchs zu managen“. Das Problem sei, dass die Art und Weise der Berichterstattung den vorläufigen Ergebnissen aus der Epigenetik „normative Bedeutung“ verleihe und Müttern eine Verantwortlichkeit für ihre „epigenetische Gesundheit“ aufbürde, die weit über das Wissen des Fachs hinausgeht. In Deutschland findet sich solche Berichterstattung beispielsweise in dem Buch „Gene sind kein Schicksal – Wie wir unser Erbgut steuern können“. Darin wird unter anderem referiert, wie sich durch richtige Ernährung Krebs verhindern lassen soll. Gut gemeint, aber im Umkehrschluss suggeriert das: Wer krebskrank ist, ist selber schuld.

Die Idee, jeder Einzelne könne über sein Verhalten und seine Essgewohnheiten nicht nur die eigene, sondern die Gesundheit zukünftiger Generationen optimieren, erhöht den sozialen Druck auf Eltern in einer Form, die der Idee der Eugenik ähnelt: Juengst nennt es „Epi-Eugenik“.

Verursachen „kaltherzige“ Mütter Autismus

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es keine gute Idee ist, Müttern Schuld aufzubürden, statt ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Als in den 1970ern entdeckt wurde, dass Alkohol die Embryonalentwicklung stört, wurde jeglicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft stigmatisiert und sogar kriminalisiert – die Rate von Kindern mit fötalem Alkoholsyndrom sank dadurch nicht, schreibt Sarah Richardson, Wissenschaftshistorikerin an der Harvard Universität in einem Kommentar im Fachblatt „Nature“. Inzwischen zeigen Studien, dass mäßiger Alkoholkonsum dem Embryo nicht schadet. Die Gesellschaft hatte vorläufige Forschungsergebnisse aufgegriffen und überreagiert. Ähnlich unnötig wurden „Kühlschrank-Mütter“ stigmatisiert, die einer Theorie nach ihre Kinder mit „kaltherzigem“ Verhaltens in den Autismus getrieben haben sollten. Das Muster sei damals wie heute das Gleiche: „Der Einfluss der Mutter auf einen verletzlichen Fötus werde betont, der Rolle gesellschaftlicher Faktoren nicht“, schreibt Richardson. Mit dem Unterschied, dass heute nicht mehr nur der Konsum eventuell schädlicher Substanzen sondern alle Aspekte des Lebens in die „wissenschaftlichen“ Ratschläge einbezogen werden.

So hehr der Wunsch ist, Erkenntnisse aus Stammzellforschung, Gentherapie oder Epigenetik möglichst rasch zur Anwendung zu bringen – solange sich Forschungsergebnisse noch nicht in klinischen Studien bewährt haben, sind sie bestenfalls für Kaffeepausenplausch nütze, aber nicht für drastische Verhaltensänderungen oder gar Schuldzuweisungen.

Also lasst die Mütter in Ruhe.

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