Was WISSEN schafft : Unreife Gehirne?

Die Ursachen von Kindesmissbrauch sind zu wenig erforscht

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Die katholische Kirche hat den sexuellen Missbrauch von Kindern jahrzehntelang systematisch verheimlicht, so viel steht fest. Dass dies nur der Ausläufer einer jahrhundertelangen, noch dunkleren Vergangenheit ist, darf vermutet werden. Aus allen Teilen der Erde werden jetzt Berichte über Priester ans Tageslicht gespült, die sich an schutzbefohlenen Jungen und Mädchen brutal vergangen haben. Die Einzelheiten sind so abstoßend und ungeheuerlich, dass man gar nicht darüber nachdenken, geschweige denn schreiben möchte.

Bis vor wenigen Jahren hatte das kanonische Recht Vorrang vor der weltlichen Strafverfolgung, die Kirche kümmerte sich um ihre Problempriester alleine. Obendrein wird nach dem Codex Juris Canonici sexueller Missbrauch nicht mit Exkommunikation, sondern meist nur mit Sühneauflagen bestraft. Oft wurden die pädophilen Täter einfach versetzt. Der britische Biologe und Kirchenkritiker Richard Dawkins hat deshalb Anzeige gegen Benedikt XVI. erstattet. Wenn er damit durchkommt, wird der Pontifex bei seinem bevorstehenden Besuch in London wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhaftet.

Der Vatikan wehrt sich neuerdings mit biologischen Fakten: „Viele Psychologen und Psychiater haben bewiesen, dass es keine Beziehung zwischen Zölibat und Pädophilie gibt“, erklärte Kurienkardinal Tarcisio Bertone. Dagegen sei der Zusammenhang zwischen Pädophilie und Homosexualität eindeutig belegt. Nach Auffassung des Klerus ist Pädophilie heilbar. Deshalb folgt auch die Wiedereinsetzung geläuterter Problempriester einer inneren Logik.

Objektiv sind die psychologischen Argumente der Kurie jedoch schon deshalb unsinnig, weil „Pädophilie“ auch heterosexuelle Neigungen einschließt. Viele Priester vergingen sich bekanntlich sowohl an Jungen als auch an Mädchen. Wie Pädophilie entsteht und welche weiteren Bedingungen den Boden für systematische sexuelle Übergriffe bereiten, ist wissenschaftlich leider noch keineswegs geklärt.

Unter Fachleuten außerhalb des Vatikans gilt echte Pädophilie bei Erwachsenen als unveränderbar. Etwa ein Prozent der Männer müssen damit leben, dass sie durch das kindliche Körperschema erregt werden. Ob es organische Ursachen dieser „sexuellen Prävalenzstörung“ gibt, ist umstritten. Bei pädophilen Straftätern fanden sich Reifungsstörungen im „Mandelkern“ des Gehirns, der für die Kontrolle von Emotionen mitverantwortlich ist. Andere Forscher vermuten die Ursache im Frontallappen der Hirnrinde.

Welche Faktoren Kindesmissbrauch fördern, beziehungsweise für dessen Häufung in der katholischen Kirche verantwortlich sind, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Den weitaus meisten pädophilen Männern gelingt es, ihre Neigung lebenslang unter Kontrolle zu halten. Andererseits wird über die Hälfte der (registrierten) Sexualstraftaten mit Kindern von nicht pädophilen Männern als „Ersatzhandlung“ begangen, weil sie an die eigentlich begehrten erwachsenen Partner nicht herankommen.

Für eine wirksame Prävention müssen noch viele wissenschaftliche Fragen geklärt werden. Bisher ist unklar, ob der Zölibat tatsächlich Sexualstraftaten fördert. Geklärt werden muss auch, welchen Einfluss fehlende Strafverfolgung und kollektive Rechtfertigungssysteme („Gottes Wille“) haben. Als typisch für Kindesmissbrauch gilt auch die „kognitive Verzerrung“: Viele Täter glauben, ihr sexuelles Interesse beruhe auf Gegenseitigkeit. Schließlich fallen viele Missbrauchsdelikte, insbesondere in Internaten und Sportvereinen, gar nicht unter die psychologische Definition von Pädophilie, weil die Opfer über 14 Jahre alt waren.

Hilfreich könnte der Fall der Odenwaldschule sein. Dort herrschten in den 70er Jahren missbrauchsfördernde Strukturen, die denen der katholischen Kirche frappierend ähneln. Der Schulleiter Gerold Becker war für seine Schüler (und viele Lehrer) sakrosankt wie ein Oberpriester. Statt auf „Gottes Willen“ berief er sich allerdings auf sexuelle Befreiung und griechische Knabenliebe.

Wenn die Reformpädagogen von damals wirklich etwas wiedergutmachen wollen, sollten sie sich einer wissenschaftlichen Aufarbeitung zur Verfügung stellen. Von der katholischen Kirche ist die dafür notwendige Selbstkritik jedenfalls nicht zu erwarten.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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