Was WISSEN schafft : Vermeidbarer Tod

Die Weltgesundheitsorganisation kämpft bisher vergeblich: Weltweit sind resistente Stämme des Tuberkuloseerregers auf dem Vormarsch, gegen die mindestens zwei der fünf geeigneten Antibiotika unwirksam sind.

Alexander S. Kekulé

Bei Thomas Mann wohnte der Krankheit noch etwas Erhabenes inne. In der Auseinandersetzung mit den Tuberkeln und dem Tod lernte sein Protagonist Hans Castorp die Geheimnisse des Lebens verstehen, oben auf dem Zauberberg fand er Läuterung und den Weg zu sich selbst.

Im wirklichen Leben ist die Tuberkulose (Tb) eine der widerwärtigsten Infektionskrankheiten, die man sich vorstellen kann. Jahr für Jahr befördert sie rund zwei Millionen Menschen unter Qualen vom Leben zum Tode, acht Millionen Menschen erkranken daran. Wenn die Mikroben nach und nach das Lungengewebe zerstören und den Körper auszehren, wenn die blutigen Auswürfe und Erstickungsanfälle immer häufiger werden und schließlich die Medikamente nicht mehr wirken, dann ist von der Romantik und „pädagogischen Erhöhung“ bei Thomas Mann ganz und gar nichts zu spüren.

Ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen des „Zauberberg“ schien es so, als wäre die Schwindsucht endlich besiegt: „Es ist Zeit, das Buch der Infektionskrankheiten zu schließen“, frohlockte 1969 der medizinische Chefberater der US-Regierung. Die Einführung der Antibiotika hatte die Therapie der Tuberkulose revolutioniert: Statt stückweise die kranke Lunge herauszuschneiden, verabreichten die Ärzte jetzt Tabletten, die Sterbeanstalten für Tb-Kranke wurden geschlossen.

Spätestens seit vergangenem Monat ist jedoch klar, dass der Optimismus der 60er Jahre verfrüht war. In ihrem aktuellen Tb-Bericht schlägt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm: Weltweit sind resistente Stämme des Tuberkuloseerregers auf dem Vormarsch, gegen die mindestens zwei der fünf geeigneten Antibiotika unwirksam sind. Als diese „MDR-Tb“ („multi-drug resistant TB“) vor zehn Jahren auftauchte, startete die WHO ein groß angelegtes Bekämpfungsprogramm. Trotzdem hat sich der Anteil der MDR-Tb seitdem in einigen Regionen der Erde von zehn auf über 20 Prozent verdoppelt. Hinzu kommen neuerdings Fälle von „XDR-Tb“ („extensively drug resistant TB“), eine medikamentös überhaupt nicht mehr behandelbare, praktisch immer tödlich verlaufende Form der Tuberkulose. Am schwersten betroffen sind die GUS-Länder (insbesondere Aserbaidschan, Kasachstan, Moldawien, Ukraine, Russland) sowie China, Indien und Afrika südlich der Sahara.

Schuld an der gefährlichen Zunahme von MDR- und XDR-Tb ist die schlechte medizinische Versorgung in diesen Ländern. Nachdem Tb-Bazillen über Tröpfcheninfektion – etwa durch Husten oder Niesen – übertragen wurden, können sie sich in der Lunge dauerhaft einnisten. Weil sie sich dabei nicht mehr vermehren und in eine Art Winterschlaf fallen, lassen sie sich nur mit speziellen Antibiotika bekämpfen. Diese „Tuberkulostatika“ müssen über Monate ohne Unterbrechung in einer Vierfachkombination verabreicht werden, um auch das letzte schlafende Bakterium zu eliminieren. Wenn die Therapie jedoch zu früh abgebrochen oder – oft mangels ausreichender Medikamente – mit zu wenigen Tuberkulostatika durchgeführt wird, bilden sich resistente Keime heraus.

Wenn sich MDR-Erreger erst einmal verbreitet haben, lassen sie sich nur durch teure Reservemittel bekämpfen, die starke Nebenwirkungen haben. In den betroffenen Ländern sind dafür weder Fachärzte noch Geldmittel vorhanden. Die schlecht ausgestatteten Labore können MDR- und XDR- Tb meist nicht einmal diagnostizieren.

Tragisch ist, dass gewöhnliche Tuberkulose heute eigentlich heilbar wäre – die Weltgesundheitsorganisation spricht von der „am häufigsten zum Tode führenden behandelbaren Krankheit“. Durch flächendeckende diagnostische Überwachung und professionelle Therapie könnte die Ausbreitung der gefährlichen MDR- und XDR-Erreger verhindert werden. Den betroffenen armen Ländern dabei zu helfen, läge im ureigenen Interesse der reichen Staaten: Gegen aus Osteuropa, Asien und Afrika eingeschleppte, resistente Keime ist auch in Industrieländern kein Kraut gewachsen. Wenn sich MDR- und XDR- Keime hier erst einmal ausbreiten, steht Sterbeanstalten nach dem Vorbild von Manns „Zauberberg“ eine traurige Renaissance bevor.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben