Was WISSEN schafft : Zweifelhaftes Doppelglück

Das Glück kommt meistens allein: Nur ein Prozent aller natürlichen Schwangerschaften endet mit einer Zwillingsgeburt, Drillinge gibt es nur bei jeder zwölftausendsten Entbindung – aber eben nur, wenn alles natürlich zugeht. In der Reproduktionsmedizin werden Mehrlinge zum Problem.

Alexander S. Kekulé

Weil die Eltern immer älter werden, gehören zum Kindermachen heutzutage oft nicht zwei, sondern drei Menschen: eine Frau, ein Mann und ein Arzt. Der unverwandte Dritte verabreicht erst einmal Clomifen-Tabletten, um den Eisprung (Ovulation) sanft zu stimulieren. Wenn das nicht hilft, wird den müden Eierstöcken mit Hormonspritzen auf die Sprünge geholfen. Bleiben auch diese Versuche einer „Ovulationsinduktion“ fruchtlos, kommt häufig die künstliche Laborbefruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF) zum Einsatz. Befragungen zufolge ist hierzulande jedes dritte Paar gewillt, „alle möglichen medizinischen Verfahren zu nutzen“, falls es mit dem Kinderwunsch auf natürlichem Wege nicht klappen sollte. Allein in Deutschland setzt die Reproduktionsmedizin etwa 350 Millionen Euro jährlich um.

Eine Nebenwirkung des assistierten Babybooms ist bei schönem Wetter in den Parkanlagen zu bestaunen: Zwillings- und sogar Drillingskinderwagen gehören längst zum Alltag. Rund die Hälfte der Doppelkarren und sogar 80 Prozent der Dreispänner gehen auf das Konto der Reproduktionsmedizin. Durch Ovulationsinduktion und IVF ist die Zahl der Mehrlingsgeburten in den letzten zwei Jahrzehnten in die Höhe geschossen. Hinzu kommt, dass die Wahrscheinlichkeit für Zwillinge oder Drillinge auch mit dem Alter der Mutter zunimmt.

Zwillinge sind eigentlich so selten wie vierblättrige Kleeblätter (die ebenfalls in etwa einem Prozent vorkommen) und werden von vielen Eltern als besonderer Glücksfall empfunden. Doch das „doppelte Glück“ ist medizinisch zweifelhaft: Das Risiko von Schwangerschaftskomplikationen und das Sterberisiko der Mutter bei der Geburt sind doppelt so hoch wie bei der Geburt eines einzelnen Kindes. Zwillinge werden viermal häufiger zu früh geboren, die Gefahr einer Totgeburt ist sechsfach erhöht. Nach der Geburt müssen sie 16 Mal häufiger in die Intensivstation und leiden fünf- bis zehnmal öfter an Hirnschäden (Zerebrallähmung). Die frühkindliche Sterblichkeit ist bei Zwillingen dreimal, bei Drillingen viermal höher als bei Einlingen.

Wegen dieser Risiken werden bei Mehrlingsschwangerschaften nicht selten ein oder mehrere Föten durch Injektion einer Kaliumchloridlösung getötet (Fötozid).

Aus gutem Grund messen die Reproduktionsmediziner daher ihren Erfolg seit kurzem nicht mehr ausschließlich an der „baby take-home rate“, sondern versuchen auch, die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften niedrig zu halten. Dies gelingt am besten durch „single embryo transfer“ (SET): Mehrere Embryos werden fünf Tage in der Petrischale beobachtet und nur der vitalste in die Gebärmutter eingesetzt, die anderen weggeworfen. Dieses Verfahren wird in den USA, Skandinavien und vielen anderen Ländern erfolgreich angewendet.

In Deutschland ist SET jedoch verboten: Das Embryonenschutzgesetz verlangt, dass jede befruchtete Eizelle sofort in die Gebärmutter eingepflanzt wird. Da ein Großteil dieser frühen Embryos spontan abstirbt, setzen deutsche Ärzte meist zwei oder drei Embryonen gleichzeitig ein, um „auf der sicheren Seite“ zu sein. Der Frau soll dadurch eine Wiederholung der belastenden Prozedur erspart werden. Hinzu kommt, dass die gesetzliche Kasse nur bei Frauen unter 40 maximal zwei Versuche übernimmt; häufig muss die IVF selbst bezahlt werden. Deshalb werden in Deutschland nach IVF immer noch in 25 Prozent Zwillinge geboren, die Rate für Drillingsgeburten liegt mit zwei Prozent sogar an der europäischen Spitze. Die Fötozide sind hier nicht einmal mitgerechnet, da die offizielle Statistik nur Geburten zählt. Nach Angaben von Reproduktionsmedizinern gab es in Deutschland 222 Fötozide im Jahr 2004, die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen.

Es ist zu hoffen, dass in der bigotten Diskussion um Stammzellen die alltäglichen Fötozide und die Risiken der Mehrlingsschwangerschaften nicht untergehen – ein solcher Glücksfall dürfte aber noch seltener sein als ein vierblättriges Kleeblatt.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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