Meinung : Wem die Aura fehlt

Die FDP hat mehrheitsfähige Inhalte – und sackt trotzdem in der Wählergunst

Stephan-Andreas Casdorff

Das Lob der Leistung, die strikte Absage an den Steuerstaat, die stetige Forderung nach schlanker Bürokratie – ja, es gibt eine Mehrheit in Deutschland für diese Positionen. Nennen wir sie: liberal. Und das ist die Zielgruppe für die FDP, die Guido Westerwelle seit Jahren fest im Blick hat. Sie ist weltoffen, am Markt orientiert, achtet auf persönliche Freiheit. Die Zielgruppe ist so, wie die Freien Demokraten sich selber sehen. Warum wählt sie die FDP nicht?

Womit das zu tun hat, haben kluge Politologen schon vor längerer Zeit erklärt. Es ist gegenwärtig so, wie früher übrigens auch gerne einer aus der Partei gesagt hat, ein political animal, dessen Namen wir nicht mehr nennen wollen: Die Vertreter der Freien Demokratischen Partei werden – bis auf den Vorsitzenden – wahrgenommen als im Grundsatz zwar solide, aber doch als Mittelmaß, als grau, als langweilig. Und für manche gilt nicht einmal das. Die Generalsekretärin wird ja selbst in den eigenen Reihen als politisches Leichtgewicht eingestuft. Mit ihr verbindet keiner Inhalte. In diesem Falle heißt das: Wo kein Inhalt, da keine Aura.

Inzwischen ist es nach einer pietätvollen Pause doch wieder so weit, dass die Landesverbände ihren Unmut offen aussprechen. Das ist auch alte liberale Sitte. Es mag schon sein, dass manche ihren Mund voll nehmen; aber sie machen ihn immerhin im Blick auf die Wahl 2006 rechtzeitig auf, um die Defizite zu beheben. Wo die Grünen sich den marktorientierten Post-68ern öffnen, den wertegebundenen Linkskatholiken dazu und außerdem das Ökolibertäre wiederbeleben, muss die FDP sich sputen. Sonst wird sie alles das, was sie unter Westerwelle als Generalsekretär in den 90er Jahren angezogen hat, wieder abstoßen.

Sicherer politischer Instinkt, rhetorische Talente, geistige Beweglichkeit – fällt dem Wähler da zuerst die FDP ein? Durchsetzungskraft und Ideen und Schlagfertigkeit – ist da die Führungsmannschaft der FDP erste Wahl? Das allerdings ist umso wichtiger, als die Partei sonst ihre Botschaften nicht glaubwürdig transportieren kann. Zum Beispiel die: dass die Liberalen die Zeichen der Zeit im Endeffekt zuverlässig erkannt haben.

Wahr ist, dass sich Westerwelle lange vor Angela Merkel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik etwas getraut hat, bei Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher war das zu ihrer Zeit nicht anders. Marktwirtschaft, Westbindung, Ostpolitik, die bundesrepublikanische „Wende“, die deutsche Einheit, vieles haben sie vorher durchdacht und manches an Gelungenem erst möglich gemacht. Ihr Maß war das Maß. Viele neue Entwicklungen wären ohne die Freidemokraten als die Moderaten nicht eingetreten; das bestreiten heute ja nicht einmal mehr ihre langjährigen Gegner.

Modern ist die FDP. Ihre Durchlässigkeit für neue Ideen und für neue Ideengeber ist größer als die ihrer Wettbewerber. Sie ist hier heute mehr Sammlungsbewegung als die Grünen es noch sind. Nur kann eben darin auch immer wieder die Gefahr liegen: Nicht Beliebigkeit darf Konstante oder sogar Dominante sein. Deshalb dürfen gerade jetzt nicht die Auffassungen wechseln, müssen aber die Personen, die die Partei repräsentieren sollen, zwingend ihre Auffassungen transportieren können.

Die FDP hat eine große Zielgruppe. Ihr Politikverständnis ist pragmatisch. Sie ist beweglich. Aber ihr fehlt soviel Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit, dass nicht einmal die Besserverdienenden sie ohne längeres Nachdenken wählen. Die jüngste Umfrage sagt es: sechs Prozent. Fallend.

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