Meinung : Wenn das wahr wird

Berlin und der 1. Mai: Es wird Zeit für ein paar neue Erkenntnisse

Werner van Bebber

Alles Routine: Die Polizei steht bereit, diesmal mit einem neuen Rekordaufgebot und einer neuen Strategie. Die Beamten sollen denen, die am 1. Mai erkennbar auf Ärger aus sind, nicht von der Seite weichen und Krawall von Anfang an unterbinden. Genauso routiniert orgeln die Möchtegernrevolutionäre des 1. Mai ihre Heraus-zur-Demonstration-Aufrufe herunter. Wer jemals die Freude hatte, an einem Politologen-Proseminar der 80er teilzunehmen, kennt die schwere Prosa dieser Aufrufe. „Müssen wir denn so leben wie heute?“, heißt es in diesem Jahr und geht dann weiter mit der Bestandsaufnahme einer Welt, „in der ein Leben voll harter Arbeit mit Armut und Entwürdigung bestraft wird“.

Das Klischee ist politisch, und deshalb funktioniert alles gleich gut als Treibstoff für die Revolution, das „Profitstreben“ ebenso wie die „fast beispiellose Hasskampagne gegen Menschen islamischen Glaubens“. Alles Routine, auch die Begriffshuberei in den Demo-Aufrufen. Und auch die unterschiedlich ausgereiften Maßnahmen der Kreuzberger. Es gibt Geschäftsleute, die der revolutionären Mai-Darbietung nichts abgewinnen können, weil sie ihre Läden sichern müssen. Andere erwarten mehr Umsatz – nicht zuletzt durch Schaulustige.

Bei aller Routine bietet das Randaleritual ein paar Erkenntnismöglichkeiten. Die erste Erkenntnis ist nicht ganz neu, aber immer wieder erhellend: Auch der liberale, äußerst rechtsbewusste und großstädtische Innensenator Ehrhart Körting von der SPD setzt die Prioritäten in diesem Jahr etwas ungeduldiger. Nicht die Deeskalation steht ganz oben, sondern die Krawallverhinderung. Dazu hat ihm eine Polizei geraten, die nicht gerade für ihre Freude am Übergriff bekannt ist und in den vergangenen Jahren alles versucht hat, um Polit-Hooligans vom Ausrasten abzuhalten. Abschreckend wird Körtings strengerer Ansatz auf die Krawallaktivisten nicht wirken – die sind durch nichts abzuschrecken. Aber vielleicht gibt es weniger verletzte Polizisten, weniger Einbrüche und weniger Stellen im Pflaster, die danach ausgebessert werden müssen.

Die zweite Erkenntnis geht vor allem die Jugendpolitiker an: Wie sieht es in diesem Jahr mit denen aus, die den großen Abenteuerspielpatz Kreuzberg in der Hoffnung auf den kräftigen Adrenalinstoß durchstreifen, der sich einstellt, wenn die Polizei hinter einem her ist – und womöglich Gründe dazu hat. Werden mehr Randalekinder als im vergangenen Jahr dabei sein? Oder wird – es wäre ein Wunder – der 1. Mai zum Polit-Äquivalent der sommerlichen Love Parade: Sinkende Teilnehmerzahlen bei kompletter Kommerzialisierung? Die würde sich daran zeigen, dass Kreuzberger Gastwirte am 1. Mai wegen des großen Andrangs bis zum nächsten Morgen geöffnet haben und an diesem Tag das Geschäft des Jahres machen – nach einem Tag „voll harter Arbeit“ sozusagen.

Das wäre die dritte Erkenntnis des Berliner 1. Mai: Wozu wird er gebraucht, und wer braucht ihn wozu? Die Rederituale der Großveranstaltungen dürften vielen freihabenden Werktätigen nicht einmal mehr bewusst werden. Die erfahrungsgemäß eskalierende Kreuzberger Veranstaltung sagt mehr über unsere wild gemischte Angestellten- und Arbeitslosengesellschaft. Sie zeigt, was ganz normale Leute in Kreuzberg erdulden. Und sie führt uns diejenigen vor, die den 1. Mai zum Frust- und Aggressionsabbau brauchen. Einige von denen dürften auf diese Gesellschaft durchaus noch ansprechbar sein.

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