Meinung : Wenn Frauen zu viel zappeln

Das ADHS-Syndrom kommt auch bei Erwachsenen in Mode

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Alexander S. Kekulé Heinrich Hoffmann war sich wohl nicht sicher, ob es eine echte Krankheit ist. Deshalb beschrieb der Frankfurter Kinderpsychiater im Jahre 1845 den „Zappelphilipp“ nicht in einer medizinischen Zeitschrift, sondern in einem Bilderbuch und unter dem Pseudonym Reimerich Kinderlieb. Heute wird der „Struwwelpeter“ von Pädagogen weitgehend abgelehnt, wegen seiner drakonischen Strafen. Dafür hat die Kinderpsychiatrie den darin geschilderten „Zappelphilipp“ als Diagnose und Forschungsobjekt entdeckt: Am „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom“ (ADHS) sollen angeblich bis zu fünf Prozent aller Erstklässler in Deutschland leiden.

Die folgenschwere Diagnose wird nach Meinung von Fachleuten zu häufig gestellt. Fast jedes Kind macht Entwicklungsphasen mit verminderter Aufmerksamkeit und Tagträumereien durch. Auch motorische Unruhe, Ungeduld und Impulsivität sind als vorübergehende Erscheinungen so weit verbreitet, dass „wilde Kerle“ schnell zu ADHS-Kranken abgestempelt werden. Die Fehldiagnose ADHS verschleiert dann andere Ursachen für auffälliges Verhalten, etwa soziale Konflikte oder einen Mangel an Zuwendung. Auch kindliche Depressionen, isolierte Lernschwächen oder triviale Hörstörungen können mit ADHS verwechselt werden. Statt die wahren Ursachen zu bekämpfen, verordnen Ärzte dann stark wirkende Psychopharmaka. Einer aktuellen Studie zufolge hat sich in den USA der Konsum von Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen zwischen 1993 und 2002 verfünffacht. Ein Großteil davon entfällt auf den Verkaufsschlager Ritalin und andere Mittel gegen ADHS. In Deutschland stieg deren Verbrauch im selben Zeitraum etwa um das vierzigfache. Die meisten Ritalinschlucker sind renitente Jungen – obwohl das echte ADHS bei beiden Geschlechtern gleich häufig vorkommt.

Jetzt haben Ärzte, Psychologen und Pharmafirmen eine ganz neue Klientel von Zappelphilipps entdeckt: Die Erwachsenen. Insbesondere Frauen außerhalb des Arbeitslebens sollen häufig an ADHS leiden, ohne dass dies bisher bemerkt wurde – meint zumindest die Psychologin Sari Solden, deren Bestseller „Die Chaosprinzessin“ eine weltweite Selbsthilfebewegung verzweifelter Hausfrauen auslöste. Solden und ihre Anhängerinnen sind überzeugt, dass sich eine „versteckte Epidemie“ von ADHS ausbreitet. Deshalb hätten viele Frauen Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, könnten keine Informationen behalten und seien mit dem Alltag überfordert.

Für die Eigendiagnose stellt Solden, die sich selbst als ADHS- Kranke outet, eine Checkliste zur Verfügung mit Fragen wie: „Dominieren Zeit, Geld und Papierkram dein Leben und hindern dich am Erreichen deiner Ziele? Haben es andere mit gleicher Intelligenz und Ausbildung weiter gebracht als du? Nimmst du dir jeden Morgen vor, dein Leben neu zu ordnen?“ Was in so einem Fall zu tun ist, machte „desperate housewife“ Lynette in der bekannten amerikanischen Fernsehserie vor: Anlässlich eines ihrer spektakulären Nervenzusammenbrüche stürzte sie ins Bad und verschlang die Ritalintabletten ihres Sohnes.

Tatsächlich ist ADHS bei Erwachsenen selten. Zwar sollen sich nach kindlicher Erkrankung bei 30 bis 50 Prozent auch im Erwachsenenalter noch Symptome nachweisen lassen, doch sind diese meist deutlich schwächer. Die wenigen, wirklich therapiebedürftigen Fälle sind schwer diagnostizierbar, weil es für Erwachsene bislang keine standardisierten Kriterien gibt. Zudem gehört zur Definition des ADHS ein Beginn vor dem siebten Lebensjahr; gerade bei Patienten mit Konzentrationsschwäche gestaltet sich die Aufarbeitung der frühen Kindheit jedoch oft problematisch.

Der nächste Umsatzschub für Ritalin und andere ADHS-Mittel scheint deshalb sicher – zumal deren amphetaminähnliche, unter das Betäubungsmittelgesetz fallende Wirkstoffe auch bei Gesunden die subjektive Leistungsfähigkeit erhöhen und Wohlgefühle auslösen können.

Eine Neuauflage des „Zappelphilipp“ mit einer frustrierten Hausfrau als Protagonistin ist dagegen wohl nicht zu erwarten – die Rolle ist von den „Desperate Housewives“ bereits nachhaltig besetzt.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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