Meinung : Wer einmal foltert, dem glaubt man nicht

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Die USRegierung hatte einen Traum. Wenn die Folterer von Abu Ghraib vor Gericht gestellt werden und ein faires Verfahren bekommen, könnte das Image Amerikas etwas aufgepäppelt werden. Mehr noch: Weil in der arabischen Welt weitaus schlimmere Formen von Misshandlungen üblich sind, aber nie geahndet werden, könnte der eine oder andere Araber sogar ins Nachdenken geraten. Und am Ende hätte eine revolutionäre Einsicht stehen können: Vielleicht ist die amerikanische Demokratie gar nicht so schlecht.Vielleicht ist sie sogar besser, als es die Regime unserer eigenen Despoten sind.

Am Mittwoch wurde der erste der sieben angeklagten US-Soldaten für seine Missetaten verurteilt. Der Prozess war kurz, weil Jeremy Sivits seine Schuld gestanden hatte. Drei weitere mutmaßliche Folterer erschienen zur Anklageverlesung. Ihnen drohen lange Haftstrafen.

Die Verfahren in Bagdad sind öffentlich. Im Gerichtssaal saßen auch Reporter der populären arabischen TV-Sender „Al Dschasira" und „Al Arabija". Doch die Abendnachrichten dieser Fernsehanstalten beherrschten andere, blutige Bilder. Sie kamen aus dem Gazastreifen. Am nächsten Morgen dann wurde groß über das US-Bombardement auf ein irakisches Dorf an der Grenze zu Syrien berichtet. Mindestens 40 Menschen wurden getötet. Am selben Tag wurden zwei neue Fotos aus Abu Ghraib bekannt. Eines davon zeigt einen mutmaßlichen Folterer in lachend-triumphaler Pose auf dem Leichnam eines irakischen Gefangenen.

Amerika hat seine Unschuld verloren. Was auch immer die US-Regierung tut, es wird gegen sie ausgelegt. Der Ruf ist ruiniert, ungeniert lebt es sich trotzdem nicht. Im Zweifel reicht ein vager Verdacht. Wurde in Abu Ghraib auf Anweisung von ganz weit oben gefoltert? Das lässt sich zwar nicht belegen, klingt aber zu verführerisch, um nicht für wahr gehalten zu werden. Wurde grob fahrlässig eine Hochzeitsgesellschaft bombardiert? Zuzutrauen wäre es ihnen, lautet das Vor-Urteil der arabischen Welt. Weltweit ist seit dem Irakkrieg die Bereitschaft gewachsen, Amerika als ersten Reflex niedrige Motive zu unterstellen. Das ist, neben der drohenden Anarchie im Irak, die nachhaltigste und gefährlichste Folge der amerikanischen Politik der vergangenen zwei Jahre.

Als ordnende Macht sind die USA, global gesehen, unverzichtbar. Doch diese Rolle effektiv auszufüllen, setzt ein hohes Maß an glaubwürdiger Moralität voraus. Nur der Gute kann das Gute befördern. Um gut zu sein, reicht es jedoch nicht, dies zu behaupten. Das wirkt, unter gewissen Umständen, eher trotzig als überzeugend. Bevor die Folterprozesse begangen, hatte die US-Regierung einen Traum. Der ist vorerst geplatzt. Ihre Aufgabe allerdings bleibt unverändert: Durch Worte, Gesten und Taten muss sie um Vertrauen werben. Immer wieder.

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