Meinung : Wer nicht arbeiten will

Claudia Keller

Das neue Sozialwort der evangelischen Kirche ist nichts für Sozialromantiker. Die Schrift predigt den Weg weg vom „reagierenden Sozialstaat“, der seine Aufgabe im Verteilen von Transferleistungen sieht. Wie schon im gemeinsamen Sozialwort mit der katholischen Kirche vor neun Jahren setzt die evangelische Kirche auf mehr Eigenverantwortung und Initiative der Bürger. Arbeiten und Bildung ist ein Menschenrecht – und auch eine Pflicht, ergänzt die Kirche. Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Das klingt hart, steht so aber auch schon im Neuen Testament.

Aber – hier unterscheidet sich die Kirche von populistischem Wahlkampfgetöse – nur wer die nötigen Qualifikationen hat, findet in der globalisierten Welt einen Arbeitsplatz. Deshalb fordert die EKD, dass alles getan werden muss, um Kindern unabhängig von der sozialen Schicht ihrer Eltern die gleichen Bildungschancen zu ermöglichen.

Noch stärker als vor neun Jahren ist die evangelische Kirche mit diesem Sozialwort im globalisierten Kapitalismus angekommen. Sie sieht die Verzahnung von Sozial- und Bildungspolitik mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Nur wenn es den Unternehmen gut geht, können sie Arbeitsplätze schaffen. Kein Jammern darüber, dass deutsche Firmen Produktionsstätten ins Ausland verlagern. Es sei ja noch gar nicht ausgemacht, dass das wirklich von Nachteil für die in Deutschland arbeitenden Menschen sei, heißt es lapidar.

Die Denkschrift enthält viele Vorschläge, die bekannt sind. Im politischen Getriebe aber, in dem Gedanken selten die Ressort- und Verbandsgrenzen überschreiten, werden sie kaum so zusammengeführt wie unter dem kirchlichen Dach, wo Wirtschaftsexperten mit Gewerkschaftern und Bildungspolitikern an einem Tisch sitzen. Über Ressortgrenzen hinweg zu agieren, statt zu reagieren, ist die ureigenste Aufgabe des Sozialstaates. Es wurde nur vergessen in den vergangenen Jahrzehnten. Wie auch verdrängt wurde, dass Eigeninitiative und Verantwortung schon immer das christliche Menschenbild ausmachten. Das Sozialwort beeinhaltet also nicht viel Neues, aber eine radikale Umkehr zur christlichen Sozialethik.

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