Meinung : „Wer sich nicht ergibt, wird vernichtet“

Jens Mühling

Leichen pflastern seinen Weg, er streitet es nicht einmal ab. Gestern erst ließ sich Ramsan Kadyrow im russischen Fernsehen neben den sterblichen Überresten des Rebellenführers Suleiman Imursajew präsentieren, den Angehörige seiner Spezialeinheiten im Morgengrauen erschossen hatten. Einer der Protagonisten des immer noch aktiven tschetschenischen Widerstands war damit beseitigt worden, und das pünktlich zu Kadyrows heutiger Einführung ins Amt des Republikpräsidenten.

Ein blutiges Antrittsgeschenk für die Bürger? Oder ein verspätetes Präsent zum 30. Geburtstag, den Kadyrow im Oktober feierte? Erst mit dem Erreichen dieses formalen Mindestalters nämlich hatte Wladimir Putin Kadyrow offiziell zum Oberhaupt der russischen Teilrepublik ernennen können – obwohl die Fäden schon seit langem bei ihm zusammenliefen. Im Mai 2004 war Kadyrows Vater, der damalige Präsident Achmad Kadyrow, von einer Bombe zerfetzt worden. Ramsan hatte bis dahin die Leibgarde seines Vaters geleitet, die er unter der Hand zu einer mehrere Tausend Mann starken Parallelarmee hochgezüchtet hatte. Den „Kadyrowzy“ gehörte seither die faktische Macht in Tschetschenien – und wer in Grosny mit ihnen sprach, lernte sie als jede Rechtsnorm verachtende, bis in den Tod Kadyrow ergebene Söldner kennen.

Menschenrechtler werfen der Truppe seit langem willkürliche Übergriffe auf die Zivilbevölkerung vor, und die im vergangenen Oktober ermordete Journalistin Anna Politkowskaja wollte Kadyrow gar auf einem Videoband beim Foltern russischer Soldaten erkannt haben. Schnell kam deshalb nach ihrem Tod die bis heute nicht verstummte Vermutung auf, Kadyrow habe ihre Ermordung befohlen. Schon bei einer Begegnung der beiden im August 2004, die in Politkowskajas „Russischem Tagebuch“ dokumentiert ist, hatte Kadyrow sie lautstark angefeindet: „Du hast dich zwischen die Tschetschenen gestellt. Du bist eine Feindin.“

Dass Putin an seinem umstrittenen Statthalter festhält, überrascht trotz allem nicht. Kadyrow, der mit 17 noch an der Seite seines Vaters gegen die Russen kämpfte, hat heute große Teile der bewaffneten Ex-Rebellen hinter sich. Der Pakt mit ihm ist schmutzig, ein Pakt gegen ihn wäre für Putin gefährlich. „Der Kreml züchtet sich einen kleinen Drachen“, schrieb 2004 Anna Politkowskaja. „Und wenn der Drache groß wird, muss man ihn unaufhörlich füttern, damit er kein Feuer speit.“

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