Meinung : „Wer wirbelt, kann bald keine Substanz bieten“

Christoph von Marschall

Laut oder verletzend wird er nie. Ihn prägen die vielen angelsächsischen Jahre, vor allem am Internationalen Institut für Strategische Studien in London von 1968 an. 1974 übernahm er die Leitung des Forschungsinstituts, das zuverlässig die militärischen Kräfteverhältnisse im Kalten Krieg analysierte. Leidenschaftlich aber ist Christoph Bertram, vor allem leidenschaftlicher Außenpolitiker. Es ist wohl die Mischung scheinbarer Gegensätze, die den 1937 in Kiel geborenen Offizierssohn zu einem der wenigen herausragenden weltpolitischen Köpfe im vereinten Deutschland gemacht hat. Im Herzen bleibt er Sozialliberaler, beriet den Verteidigungsminister Helmut Schmidt und kam nach der Wende 1982 fast gleichzeitig mit ihm nach Hamburg zur „Zeit“: er als Politikchef, der Ex-Kanzler als Herausgeber.

Umso mehr hat Bertram unter Teilen der rot-grünen Außenpolitik gelitten, zumal er doch als Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) seit 1998 Bundesregierung und Bundestag außenpolitisch beriet. Er war gegen den Irakkrieg, aber muss man deshalb mit Anti-Bush-Populismus Wahlkampf betreiben? Joschka Fischer hält er keine krassen Fehler vor, von der drittstärksten Wirtschaftsmacht der Welt darf man jedoch mehr erwarten, als in keine Fettnäpfchen zu treten. Das wurde sein Hauptanliegen: Den Deutschen klar zu machen, wie sehr ihre Verantwortung seit der Vereinigung gewachsen ist.

Natürlich ist Bertram, der gerade 68 wurde und gestern mit hochbesetztem Kolloquium und großem Verdienstorden Abschied als SWP-Chef nahm, Transatlantiker. Aber kaum ein anderer weist so höflich wie schonungslos Amerikaner in die Schranken, die mehr militärische Lasten von Europa verlangen. Die Entspannungspolitik, die Integration Mittel- und Osteuropas in EU und Nato, der Wiederaufbau des Balkans seien auch Investitionen in Sicherheit – dass diese Milliarden in seinen Augen so klüger angelegt sind als in militärischen Muskelspielen, braucht er nicht zu betonen, das kann sich jeder denken. Er muss keine Emanzipation von der Weltmacht zelebrieren, weil er nie uneingeschränkt solidarisch war. Auf seine persönliche Loyalität freilich konnte man bauen.

Und nun: Ruhestand? Von wegen. Nicht mal die Reisen werden kürzer: zwischen dem Bologna- Center der John-Hopkins-Universität, dem Familiensitz in Hamburg, der norwegischen Heimat seiner Frau – und, natürlich, Berlin.

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