Wetten,dass...? : TV-Kost in Breiform

Thomas Gottschalk wechselt zur ARD – seine „Tagesshow“ ist ein Risiko.

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Der Unterschied zwischen der Fußball-Bundesliga und dem Fernsehen? Beim Fußball werden die Ablösesummen bekannt und die Gehälter auch. Also wechselt Jérôme Boateng von Manchester City für rund 13,5 Millionen Euro zu Bayern München, dort soll er bis zu vier Millionen Euro im Jahr verdienen.

Thomas Gottschalk geht vom ZDF zur ARD. Was dieser Wechsel den Senderverbund kostet, sagt die ARD nicht. Warum eigentlich nicht? Es sind doch Gebührengelder, die in Tommys Tasche geschüttet werden. Der Grund wird – wie immer – ein anderer sein: Das Publikum bekommt schlechte Laune, wenn es erfährt, dass im öffentlich-rechtlichen Medium Honorare bezahlt werden wie im Profi-Fußball. Günther Jauch und seiner Truppe wird die ARD pro Jahr geleisteter Talkshow mehr als zwölf Millionen Euro überweisen.

Gottschalk wird von 2012 an von Montag bis Donnerstag jeweils eine halbe Stunde von 19 Uhr 30 bis 20 Uhr auftreten. In seiner „Tagesshow“ soll er Gäste aus den Bereichen Lifestyle, Entertainment und Kultur empfangen und das aktuelle Zeitgeschehen mit zugeschalteten Experten diskutieren.

Noch nie da gewesen? Atemberaubend? Eine Sensation? Gottschalk geht mit diesem Konzept, das dünner ist als ein Blatt Vertragspapier, kein geringes Risiko ein. Unser Tommy ist ein Super-Show-Onkel, der ein großes Publikum rocken kann, doch bisher jeden Beweis dafür schuldig blieb, dass er sich Menschen und Ereignissen in Gesprächsform, mit Interesse und zotenfrei nähern kann.

Seine Sache. Unsere Sache ist es, wodurch wir uns unterhalten lassen. Mörderisch, das ist die erste Forderung. In den Bestseller-Listen finden sich unter den Top Ten Krimis, Krimis und nochmals Krimis. Leser wollen ihr hochversichertes Leben durch diese Spannungskonfektion aufpeppen, nichts anderes wollen die Millionen „Tatort“-Zuschauer. Musikalisch, das funktioniert auch. In Bayreuth sitzen sie sich Jahr für Jahr die „Wagner“-Schwielen in die Hintern, in der Waldbühne kreischen die Gitarren, derweil die Feuerzeuge vor Love and Peace glühen.

Krimis muss man kaufen, für Bayreuth muss man sparen, in der Waldbühne drohen Gewitter. Auch deswegen hat die Fernsehunterhaltung leichtes Millionenspiel. Per Knopfdruck wird gemordet, die Koloratur strapaziert, niemals regnet es in die Wohnstube. Das große Angebot macht den Fernsehzuschauer nicht fröhlicher, es macht ihn unleidlicher. Bei der geringsten Verstimmung zappt er los.

Das Fernsehen hat ihm beigebracht, wie anstrengungslos Vergnügen sein kann. Diese TV-Kost wird statt in fester Konsistenz nur noch in Breiform gereicht. Quizfragen werden gelöst, Kriminalfälle werden gelöst, rückstandsfrei wird dem heruntergedimmten Publikum die U-Narkose verabreicht.

Und hierin liegt Gottschalks Risiko. Wehe, wenn das wahre Leben bei „Wetten, dass ..?“ hereinbricht, wenn die Zuschauer sich plötzlich für Politik, Seuchen und Finanzkrisen interessieren. Dann ist Tommy G. allein im Fernsehstudio. Aber nur dann.

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