Meinung : Wie antwortet Europa?

Krieg dem Bösen: Bush fordert in Polen ein wehrhaftes Europa im Schulterschluss mit den USA

Robert von Rimscha

Das gemeinsame Haus Europa, von dem Moskau während der Glasnost-Jahre oft sprach, hat viele Anbauten bekommen. Europa wohnt in einer Mischung aus klassizistischem Stadt-Palais und postmodernem Wintergarten. Daneben steht der Wolkenkratzer namens Amerika. Und die Bewohner beider Gebäude bilden die transatlantische Wohngemeinschaft. Liebe, Hass und Eifersucht gehören zur Normalität im transatlantischen Gefühlshaushalt. Jetzt aber, im polnischen Krakau, hat George W. Bush die WG zur Ordnung gerufen. Rings herum liegen Slums – da muss man einfach zusammenstehen.

Bushs Krakauer Rede ist Balsam für die Seele Europas. Washington streckt die Hand aus und mahnt, sich an die gemeinsamen Aufgaben zu machen. Damit geht Bush in Vorleistung. Er erteilt eine vorsichtige Absage an jene Haltung, die die USA nach dem Irak-Streit ja auch einnehmen könnten. Die Haltung nämlich, Europas internen Zwist zu befördern und auszubeuten. So, wie den USA diese Option offen steht, muss Europa wählen, ob es ein Partner oder ein Rivale Amerikas sein möchte. Die Antwort steht noch aus. Bush für seinen Teil hat den bitteren Streit seit August 2002 hinter sich gelassen – oder behauptet dies zumindest.

„Wir begrüßen und brauchen die Hilfe, den Rat und die Weisheit unserer europäischen Verbündeten“, schmeichelt der Texaner. „Neue Rivalitäts-Theorien“ dürften nicht jene Prinzipien aushöhlen, die beidseits des Atlantiks geteilt würden. Und der Kernsatz des Mannes im Weißen Haus lautete: „Europa und Amerika werden immer durch mehr als unsere Interessen verbunden sein.“ Im Zentrum stünden gemeinsame Ideale, Werte, Erfahrungen.

An zwei Orten sieht Bush die Notwendigkeit der Zusammenarbeit. Der erste ist einer, den man in Europa gerne hört, aber nur zögerlich mit Bushs Agenda verbindet. Da geht es um den Kampf gegen Hunger und Aids, um Entwicklungshilfe, die demokratischen Strukturen statt korrupten Regimen zugute kommt, um faireren Welthandel. Doch Bush wäre nicht Bush, wenn er sich nicht darin treu bliebe, in den gemeinsamen Aufgaben auch eine weniger friedfertige Dimension zu sehen. Auschwitz habe ihm gezeigt, wie real das Böse in der Welt sei. Und vom Holocaust zieht Bush eine Linie zu den Herausforderungen der Gegenwart. „Gutes entstand, weil Menschen bereit waren, sich mit der Waffe in der Hand gegen das Böse zu erheben“: Das Böse müsse benannt und bekämpft werden; Europa müsse mehr für die Verteidigung ausgeben; den Mut, dem Bösen überall entgegenzutreten, dürfe Europa nie verlieren.

Trotz des Irak-Streits hält Bush an der Vision eines einigen und wehrhafter Westens fest. So lautet sein Angebot. Es ist zugleich eine Forderung. Die postmoderne Patchwork-WG Europa zieht die Brauen hoch und hebt abwehrend die Hände, wenn einer vom „Bösen“ spricht. Wir erklären und verstehen lieber. Bush fordert, in freundlich-bestimmtem Gestus, etwas anderes: Handeln. So indirekt verpackt er seine Rüge an jene, die in Washington als „Achse der Feiglinge“ gelten: Chirac, Putin, Schröder. Was in Krakau also charmant im Ton und konziliant in der Sache daherkommt, ist kein Widerspruch zu der herben Leitlinie Washingtons, Paris werde bestraft, Moskau verziehen und Berlin ignoriert. Bush hat über die Köpfe seiner Gegner hinweg die Bürger Europas angesprochen. Die werden antworten müssen. So oder so.

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