Meinung : Will die Welt betrogen werden?

Foto: Lorenz Kloska
Foto: Lorenz Kloska

„Jäger der kriminellen Künstler“ vom 28. Januar

Einmal mehr greifen Sie den Fall des Kunstfälschers Beltracchi auf. Was hat dieser Mann eigentlich so schrecklich Böses getan? Er hat Fälschungen hergestellt, deren Qualität bestechend ist, den „Campendonk“ finde ich geradezu genial. Wen hat er „betrogen“? Superreiche, für die der Kaufpreis die berühmten „Peanuts“ waren. Gerade für diese Leute in ihrer blinden Raffgier gilt der Goethe-Spruch „Die Welt will betrogen werden.“ Und Beltracchi bekam eine Höchststrafe von sechs Jahren Haft. Ganz toll. Und wie ergeht es den vielen Wirtschaftskriminellen, die keine Superreichen (das sind sie selbst) täuschen, sondern den Staat und damit jeden einzelnen, indem sie jedes Jahr zig Milliarden Steuern hinterziehen? Da wird von der Justiz, auf Druck der Politik, mit denen die Steuerhinterzieher bestens vernetzt sind, getrickst und manipuliert, so dass der Großteil der Straftaten „verjährt“ ist. Und für den kleinen Rest gibt es ein bisserl was auf Bewährung, siehe Herr Zumwinkel. Herr Beltracchi hatte wohl keine von ihm gesponserten Parteien und Politiker. Aber letzteren hat er immerhin voraus, dass er großartig malen kann. Und an dem Urteil sieht man einmal mehr, dass Recht und Gerechtigkeit in der BRD und anderswo herzlich wenig miteinander zu tun haben.

Martin Mahadevan, Berlin-Grunewald

Was hat Wolfgang Beltracchi Böses getan? Er ist ein Betrüger, der vorsätzlich Kunstwerke gefälscht hat, um sich daran zu bereichern. Doch das scheint immer noch als Kavaliersdelikt zu gelten. Kunstfälscher sind nicht die Gutmenschen, die arrogante Kunstexperten hinters Licht führen und nur reiche Menschen schädigen, die es verdient haben, betrogen zu werden. Dazu würde dann auch gehören, dass sie wie Robin Hood das unrechtmäßig erworbene Geld einem guten Zweck zuführen. Das Gegenteil ist der Fall.

Kunstfälscher wollen mit ihren Fälschungen viel Geld machen. Die Betrogenen sind nicht nur Privatsammler, sondern häufig auch Museen. Diese werden durch Steuergelder finanziert, und damit werden wir dann alle betrogen. Wir wissen, dass Werke von Beltracchi als Leihgaben in Museen hingen. Damit erzielten sie höhere Preise. Noch wissen wir nicht, ob Museen auch Bilder von ihm gekauft haben. Das wissen wir aber z. B. vom dem Holländer Han van Meegeren, zu dem es auch noch weitere Parallelen gibt. Han van Meegeren fälschte in den 1930er Jahren Bilder von Jan Vermeer (1632-1675), die er dann von Experten begutachten ließ. Die Stiftung Boijmans (das heutige Boijmans van Beuningen Museum) in Rotterdam fiel drauf genauso herein wie das Rijksmuseum in Amsterdam. Hinzu kamen private Sammler. Einer von ihnen war Hermann Göring. Damit hatte er angeblich Kulturgut von nationalem Interesse ins feindliche Ausland verkauft. Das war ein Verbrechen, das mit hohen Haftstrafen geahndet wurde, schlimmstenfalls mit der Todesstrafe. Van Meegeren gestand die Fälschungen und wurde gefeiert, weil er Göring betrogen hatte. Das hatte er aber weder absichtlich getan noch damit ein gutes Werk vollbracht. Die durch die Käufe der Museen veruntreuten Steuergelder störte die Holländer erstaunlicherweise kaum. Dieses Phänomen findet sich jetzt auch wieder bei dem ach so sympathischen Herrn Beltracchi. Betrüger, die sich durch Unterschriftenfälschung bereichern, die gefälschte Markenkleider verkaufen, minderwertige Produkte zu hochwertigen deklarieren, werden zu recht als Verbrecher bezeichnet. Zu ihnen gehören auch die Kunstfälscher. Die Haftstrafen, die sie erhalten, sind meist nicht sehr hoch. Wolfgang Beltracchi wurde zwar zu sechs Jahren Haft verurteilt, er darf allerdings tagsüber das Gefängnis verlassen. Sie schreiben außerdem, dass Beltracchi großartig malen kann, Sie haben dabei nur die Vorsilbe „nach“ oder „ab“ vergessen. Beltracchi bediente sich des Stils anderer Maler. Er hat nachgemalt und sogar abgemalt. Seine Bilder sind keine Neuerfindungen. Wenn Sie das „Rote Bild mit Pferden“ mit anderen Bildern vergleichen, die tatsächlich von Heinrich Campendonk stammen, werden Sie viele Ähnlichkeiten feststellen. Beltracchi hat sich offensichtlich intensiv mit dem Werk Campendonks auseinandergesetzt und die vom Maler verwendeten Farbtöne ebenso übernommen wie Versatzstücke aus anderen Bildern. In einem anderen Fall, dem „Liegenden Akt mit Katze“, angeblich von Max Pechstein, benutzte er sogar ein existierendes Aquarell des Künstlers als Vorlage und machte daraus ein Ölbild. Das ist weder eine großartige noch eine innovative Leistung. Und schaut man sich Werke an, die Beltracchi ohne Vorlagen geschaffen hat, zweifelt man daran, dass er ein hervorragender Künstler ist. Dieses Phänomen kann man im Übrigen auch bei anderen berühmten Fälschern feststellen. Weder Han van Meegeren noch Elmyr de Hory (um nur zwei zu nennen) schufen überzeugende eigene Werke. Doch ihre Fälschungen wurden von Sammlern und großen Museen gekauft. Auch sie kopierten nicht, sondern malten neue Vermeers, Matisses, Picassos …

Wolfgang Beltracchi hat also von früheren Kunstfälschern gelernt. Sogar erfundene Sammlungen gibt es bei den meisten großen Fälscherskandalen. Beltracchi hat sehr viel kriminelle Energie aufgewendet, um so viele Fälschungen zu schaffen und sich damit unrechtmäßig zu bereichern. Dafür gehört er auch bestraft.

— Dr. Susanna Partsch, Kunsthistorikerin

und Autorin: „Tatort Kunst. Über Fälschungen,

Betrüger und Betrogene“, Beck'sche Reihe, 2010

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben