Meinung : „Wir machen alle Fehler“

Moritz Schuller

Als der 88-jährige Robert Strange McNamara vor zwei Wochen die Basilika von Assisi verließ, hatte er wieder einmal ja gesagt: Der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister und Hardliner im Vietnamkrieg hatte in Italien die 70-jährige Diana Masieri geheiratet.

„Yes“ hatte McNamara auch seinem Präsidenten stets geantwortet: Immer wieder werden im Dokumentarfilm „The Fog of War“, der heute in die Kinos kommt, diese Gesprächsmitschnitte eingespielt: McNamara verspricht zu erledigen, was Lyndon B. Johnson verlangt, obwohl er weiß, dass der Krieg dadurch weiter eskaliert. Und doch sagt er nicht nein.

Der im Frühjahr mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm von Errol Morris präsentiert im Interview einen brillanten, auch im Alter eindrucksvoll arroganten McNamara. In der Schule in San Francisco sei er einer der Besten gewesen, erzählt er, in Harvard der jüngste Assistenzprofessor überhaupt, bei Ford erfand er den Sicherheitsgurt und wurde dann Präsident des Autoherstellers. 1960 machte Kennedy ihn zu seinem Verteidigungsminister. Bei Morris spielt zu dieser Karriere die elegische Musik von Philip Glass.

Beliebt war McNamara nie, „effektiv und effizient“ nannten sie ihn, der 1942 als Statistiker der Luftwaffe den Rat gab, Tokio mit Brandbomben anzugreifen. War es moralisch, 100 000 Zivilisten in einer Nacht umzubringen? „Wäre es moralisch, 100 000 japanische Zivilisten nicht zu töten, dafür aber in Kauf zu nehmen, dass hunderttausende Amerikaner während einer Invasion Japans ihr Leben verlieren?“ McNamara will sich nicht rechtfertigen, von persönlicher Schuld will er nicht reden. Ihm geht es um etwas anderes: „Lerne deine Lektion und gib sie weiter.“

Der langjährige Praktiker des Krieges bietet sich als dessen Analytiker an. Einer seiner Lehrsätze lautet: „Versetze dich in deinen Feind.“ Bei Chruschtschow funktionierte das, Kennedy und McNamara konnten die Kubakrise beenden. Anders bei Vietnam: „Wir wussten nicht, wer die waren.“

1968 verlässt McNamara das Kabinett und wird Präsident der Weltbank. Dass zum Ende der Kubakrise bereits 162 nukleare Sprengköpfe auf der Insel stationiert waren, erfährt er 1992 von Castro persönlich. McNamara ist sprachlos. „Kalter Krieg? Der Krieg war verdammt heiß“, sagt er im Film. „Damals hatten wir Glück, aber die Gefahr eines Atomkriegs besteht noch immer.“

Nach seiner Trauung zum Irakkrieg der Bush-Regierung befragt, antwortete er kühl: „Die haben sich geirrt.“

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