Meinung : „Wir machen Musik, keine Comedy“

André Görke

Der härteste Spruch in der Sendung TV-Total von Stefan Raab ist vor ziemlich genau einem Jahr gefallen: Sachsen, hieß es, sei so beliebt, dass einst sogar 1000 Engländer zu Besuch gekommen seien.

Natürlich meinte Raab damit die „Bombennächte“ im Februar 1944, als die Luftwaffe der Alliierten die Stadt Dresden in Schutt und Asche gelegt hatte. „Kein Dresdner, kein Sachse und kein Deutscher hat für diese bodenlose Geschmacklosigkeit Verständnis“, schrieb daraufhin Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt – und Raab musste sich auf Anweisung seines Arbeitgebers entschuldigen.

Stefan Raab, das ist auf der einen Seite immer der Rüpel. Mal veralbert er Menschen wegen ihres Namens („Lisa Loch“), mal verspottet er die Leute, weil sie zufällig eine Schultüte in der Hand halten („Die Dealer tarnen sich immer besser“). Und immer häufiger muss der 39-Jährige Schmerzensgeld zahlen (passenderweise hat er fünf Semester Jura studiert).

Stefan Raab, das ist aber auf der anderen Seite auch der gute Musiker und Entertainer. Heute Abend findet sein „Bundesvision Song Contest“ statt. 16 Bands und Musiker aus allen Bundesländern treten gegeneinander an; „Seeed“ für Berlin etwa, der ehemalige „Selig“-Sänger Jan Plewka für Schleswig-Holstein, „Tiptop“ mit dem Sänger der Sportfreunde Stiller für Bayern. Raab hat seine Musikshow „eine echte Alternative“ zum eher altbackenen Eurovision Song Contest genannt, der einst Grand Prix hieß und ein Publikum anspricht, das die Musik von Vicky Leandros und Thomas Anders mag.

Vor zwei Jahren hat sich Raab in den Grand Prix eingemischt und diesem prompt eine sensationelle Publicity verschafft; eine positive wohlbemerkt. Max Mutzke sang das Lied „Can’t wait until tonight“, gewann den deutschen Vorentscheid und erreichte beim anschließenden Grand Prix immerhin den achten Platz. Die Single wurde von Stefan Raab produziert.

Es war ein gefühlvolles Lied, das so gar nicht zu Raab passen wollte. Wenn der nämlich Lieder selbst singt (und er kann singen!), dann sind die eher etwas für Partys am Strand oder im Oktoberfestzelt – sei es nun „Ö La Palöma Blanca“ oder „Bööörti, Böörti Vogts“. Oft bedient er sich dabei Fernsehausschnitten und Zitaten, die er in Lieder einbaut. So konnte er sogar dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zu unverhofftem musikalischen Ruhm verhelfen, indem er dessen Zitat „Hol mir mal ’ne Flasche Bier“ zum Song komponierte.

Platte Witze und großer Erfolg, bei Raab treffen Extreme aufeinander. Er hat den Echo erhalten, den Grimme-Preis, jüngst erst die Journalistenauszeichnung „Goldener Prometheus“. Seine Show am Tag vor der Bundestagswahl 2005 sei eine „gelungene Versöhnung von Unterhaltung und Demokratie“ gewesen, würdigte die Jury.

Der Kölner pendelt zwischen zwei Welten, er muss immer wieder ausbrechen. Als Jugendlicher hat er ein Jesuiten-Internat besucht, war als Kind Messdiener. Raab ähnelt dabei übrigens seinem Kollegen Oliver Pocher. Auch der hat früher den „Wachturm“ von den Zeugen Jehovas verteilt. Humor und Kirche schließen sich also nicht aus.

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