Meinung : Wir waren doch mal ein Volk

Rezension zu Klaus Schroeder „Der SED-Staat“ vom 8. Januar

Die ehemalige DDR-Schriftstellerin Monika Maron hat gesagt: Es mag frivol klingen, aber mehr als unter der Stasi habe ich unter Klempnern, Kellnern und Taxifahrern gelitten. Damit hat sie den meisten Ostdeutschen aus der Seele gesprochen. Behandelt aber wird die DDR-Realität, als gelte die Umkehrung dieses Spruchs. Oder nehmen wir Günther Gaus und sein „Wer die DDR auf Stasi, Staatsnähe und Biermann reduziert, greift zu kurz.“ Aber das sind, wie gesagt, Ausnahmen. Stattdessen wird DDR-Nostalgie dargestellt, als handele es sich um eine Seuche, die nur einen besonders fragwürdigen Menschenschlag befällt. Kein Gespür dafür, dass sich hier die Härten des Einigungsprozesses äußern; dass Menschen, die den größten Teil ihres Lebens in diesem „anderen Deutschland“ gelebt haben, das Gefühl haben, dass dieses Leben wertlos war, weil ihre Lebensleistung nicht anerkannt wird. Es gibt sicher vieles, worüber man diskutieren und was ausgesprochen werden muss, z.B. wie sehr sich dieser Staat an Menschen vergangen hat. Es gibt aber auch Axiome, an denen man nicht vorbeikommt: die Teilung, mit deren Problemen wir immer noch zu tun haben, ist letztlich auf diesen Krieg zurückzuführen, den alle Deutschen begonnen, ihn zum Teil zum Teil verbrecherisch geführt und verloren haben. Es ist nicht das Verdienst der Westdeutschen und nicht die Schuld der Ostdeutschen die jeweilige Besatzungsmacht abbekommen zu haben. Gerade, wenn die einen über die anderen urteilen, fühlt man sich bitter daran erinnert: Wir waren doch mal ein Volk. Was fehlt, sind nicht Bücher über die DDR, sondern eine Atmosphäre, in der man solche Bücher gern liest. So dürfte wieder jemand ein Buch geschrieben haben, das kaum einer, der es lesen sollte, wirklich liest.

Olaf Stephan, Berlin-Altglienicke

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