Meinung : „Wir wissen nicht, ob es genug Gas gibt“

Anselm Waldermann

Von russischer Energiepolitik hat er noch nie viel gehalten. In regelmäßigen Abständen kritisiert der Chef der internationalen Energieagentur (IEA) den Moskauer Staatskonzern Gasprom: Das Unternehmen sei intransparent, unterstehe der Macht des Kremls und stelle damit ein Risiko für die Gasversorgung des Westens dar. Am Freitag setzte Claude Mandil noch einen drauf: Gasprom investiere nicht genug, um seine Verpflichtungen einhalten zu können, sagte er der „International Herald Tribune“. „Wir können nicht sicher sein, ob es genug Gas geben wird, um die eingegangenen Lieferverpflichtungen zu erfüllen.“

Für einen Spitzenbeamten sind das scharfe Worte. Dabei gehört Russland gar nicht zu den Kernkompetenzen der IEA. Gegründet wurde die Behörde vor allem als Gegengewicht zur Opec (Organisation Erdöl exportierender Staaten) – gleichsam als Antwort der Industriestaaten auf den Ölpreisschock 1974. Ihren Sitz hat die IEA in Paris in der Nähe des Eiffelturms, zu den 26 Mitgliedsländern gehört auch Deutschland.

Mittlerweile aber beschäftigt sich die Agentur bei weitem nicht nur mit Öl. So gilt der Franzose Mandil als glühender Anhänger der Kernkraft; den Atomausstieg in Deutschland hat er immer wieder kritisiert. Und auch die Gasmärkte bereiten dem 64-Jährigen zunehmend Sorge: Seit dem Streit mit der Ukraine wachsen im Westen die Zweifel an der Versorgungssicherheit. Ein Viertel seines Gases bezieht Europa aus Russland.

Dabei ist die Verhandlungsposition der Russen gut: Gerade erst ließ sich Gasprom sein Ausfuhrmonopol von der Duma festschreiben. Wer in Russland Gas kaufen möchte, muss sich also zwangsläufig an den Konzern wenden. Gasprom sei „besessen von der Idee, die Kontrolle über die Exportrouten zu behalten“, sagt dazu Mandil.

Zeitlich passt der Vorstoß des Franzosen perfekt: In der kommenden Woche findet in St. Petersburg der G-8-Gipfel statt. Eines der TopThemen wird die Energiepolitik sein. Ob sich Russland allerdings in seine internen Angelegenheiten reinreden lässt, ist eher unwahrscheinlich. Das Exportmonopol für Gasprom bleibt deshalb wohl unangetastet. Schließlich sichert es dem Konzern – und seinem Hauptaktionär, dem russischen Staat – beträchtliche Gewinne. Am Freitag gab Gasprom die Zahlen für 2005 bekannt: Der Reingewinn stieg demnach um 49 Prozent auf 9,1 Milliarden Euro. Auf diese Summe verzichtet freiwillig niemand.

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