Meinung : Wird in der Medizin genug geforscht?

Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Zum Mangel an Organspendern in Deutschland

Die Bereitschaft zur Organtransplantation ist in Europa nach wie vor gering. Spanien macht eine kleine Ausnahme mit etwas mehr Aufkommen an gespendeten Organen.

Es zählt aber bei der Frage Organspende noch ein anderer Aspekt: Die Medizinpioniere des 19. Jahrhunderts - u.a. Koch, Virchow, Landsteiner, Helmholtz u.a.- haben an Hochschulen, Universitäten oder renommierten Kliniken geforscht, sind auf Seereisen und Expeditionen zu neuen und bahnbrechenden Erkenntnisse gelangt. Die heutige Medizinforschung ist von der profitgierigen Pharmaindustrie okkupiert worden. Organversagen steht dabei nicht auf der Hitliste der „forschenden Arzneimittelhersteller“.

Seit Einführung der Transplantatationschirurgie wird die Therapie in ihren Grundzügen einer Autoreparaturwerkstatt immer ähnlicher: Defektes Teil raus, neues Teil rein und dann schau’n mer mal. Sicher kann ein Arzt damit Leben retten oder zumindest verlängern. Aber dieser Trend ist recht gefährlich: Ursachenforschung am menschlichen Körper steht nicht mehr im Vordergrund medizinischen Bemühens, so dass letztendlich nicht klar wird, wa rum wir eigentlich erkranken. Das aber wäre die primäre und vornehmere Aufgabe jedes Arztes. Der inzwischen weltweite Trend zu immer mehr Transplantationen zu Ungunsten von Kausalitätsforschung ist bedauerlich. Die Pharmabranche hingegen macht Milliardenprofite im Therapiegeschäft.

Gottfried Vogel, Teltow

Sehr geehrter Herr Vogel,

in Deutschland können viele kranke, verzweifelte Menschen nicht transplantiert werden, weil es zu wenig Organspender gibt. Der weltweite Trend zu mehr Organtransplantationen ist erfreulich. Es kann damit vielen ein erfülltes Leben ermöglicht und langes Leiden erspart werden. Lassen Sie mich auf einige Ihrer kritischen Bemerkungen eingehen.

Sie haben völlig recht: die Ursachenforschung, weshalb es zum Organversagen kommt, darf natürlich nicht vernachlässigt werden. Diese Grundlagenforschung ist nach wie vor Hauptaufgabe der weitgehend staatlich geförderten Universitätsmedizin. Sie wird maßgeblich gestärkt durch viele Kooperationen mit z. B. der Max-Planck-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und vielen weiteren nationalen und internationalen Institutionen und Organisationen. Diese bilden das Rückgrat der medizinischen Grundlagenforschung und Entwicklung. Eine enge Zusammenarbeit mit der pharmazeutischen Industrie ist immer dann sinnvoll und auch notwendig, wenn Forschungsergebnisse Marktreife erreichen. Robert Koch, Rudolf Virchow und viele andere Forscher, auf die Sie zu Recht hinweisen, haben das ganz große Verdienst, vor gut 100 Jahren in Berlin die Medizin erstmals auf eine rationale, naturwissenschaftliche Basis gestellt zu haben. In der großartigen Ausstellung „Weltwissen“, im Gropiusbau, werden diese daher auch entsprechend gewürdigt. Sie haben auch die Basis geliefert für eine lange Zeit in Deutschland florierende pharmazeutische Industrie. Dieser Tradition folgend werden auch jetzt noch gemeinsam mit der Industrie Medikamente und Verfahren entwickelt, um möglichst vielen Patienten effektiv helfen zu können. Die Transplantationschirurgie wurde in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr verfeinert, wodurch die Zahl an Transplantatversagen deutlich zurückgegangen ist. Zudem wurden in dem Gebiet der Immunologie enorme Fortschritte erreicht, die dazu geführt haben, dass immer weniger Transplantate abgestoßen werden. Gerade weil die Transplantationsmedizin so erfolgreich ist, wird zunehmend transplantiert und fehlt es an Organen.

Sie weisen ebenfalls zu Recht darauf hin, dass die Prävention von Krankheiten und damit Organschäden in Zukunft immer mehr im Fokus der Grundlagenforschung und eines jeden praktizierenden Mediziners stehen sollte. Aber auch hier gibt es große Fortschritte. Wir haben schon jetzt das Wissen, viele Krankheiten zu vermeiden. Denken Sie nur an Herzkreislauferkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck, die alle zu Herz- und Nierenschäden führen, und die durch gesunde Ernährung, Bewegung, Einschränkung von Rauchen und Alkohol vermieden oder durch sehr wirksame Medikamente behandelt werden könnten. Um im Bereich der Prävention erfolgreich zu sein, müssen besonders die Ärzte wirksam beraten, aber auch alle Bürger wieder größere Eigenverantwortung für Ihre Gesundheit übernehmen. Dieser Verantwortung für seine eigene Gesundheit in einer immer älter werdenden Gesellschaft, müssen sich die Ärzteschaft und der Bürger auch bewusst stellen. Die Prävention von Erkrankungen in allen Lebensabschnitten muss ein zentraler Fokus der Medizin und der Politik nicht nur in Deutschland, sondern auch auf internationaler Ebene werden. Auch aus diesem Grund hat die Charité dieses Jahr wieder den „World Health Summit“ in Berlin ausgerichtet. Die über 1000 Teilnehmer aus mehr als 70 Ländern waren sich dabei einig, dass wir aus der Evolution der Medizin und aus der Grundlagenforschung lernen und in Zukunft noch stärker die Prävention von Erkrankungen in den Vordergrund rücken müssen. Ein ganz neuer Bereich, die „Evolutionäre Medizin“ erforscht dieses Gebiet mit modernsten Methoden der Genomik und Genetik.

Diese Entwicklungen müssen unter einem ganzheitlichen Blickpunkt des Fortschritts der Medizin, der Herausforderungen aber auch der Chancen gesehen werden. Gesundheit hat für alle Menschen den höchsten Stellenwert. Hierzu sind gemeinsame Strategien von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft notwendig. Nicht gegeneinander sondern Miteinander, muss unser Ziel bei einem so wichtigen Thema sein. Die Lebenswissenschaften sind eine Leitwissenschaft der modernen humanen Wissensgesellschaft.

Mit freundlichen Grüßen

— Professor Dr. Detlev Ganten, Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Charité

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