Wissenschaft : Kann der Mensch ewig leben?

Alle Versuche, an der genetischen Uhr des Lebens zu drehen, blieben bislang ohne Erfolg. Eine neue Studie nährt die alte Hoffnung der Jungbrunnenforscher.

von

Bowerick Wowbagger ist unglücklich, obwohl er das große Los gezogen hat: Er wurde bei einem Experiment versehentlich unsterblich. Doch was für Christen das Paradies sein soll, erlebt Wowbagger als Hölle. Um seine Langeweile zu bekämpfen, hat er beschlossen, jedes Individuum im Universum persönlich zu beleidigen – und zwar in alphabetischer Reihenfolge.

Vom Schicksal des unglücklichen Aliens aus Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ lassen sich geschäftstüchtige Jungbrunnenforscher nicht abschrecken. Nahezu monatlich publizieren sie neue Rezepte, mit denen sich das Leben angeblich verlängern lässt. Vitamin C und andere „Antioxidantien“ sollen chemische Verbindungen abfangen, die durch Schädigung der Erbinformation den Alterungsprozess beschleunigen. Auf Platz eins der unwirksamen Anti-Aging-Mittel steht Resveratrol, das unter anderem in Trauben vorkommt. Resveratrol wirkt zwar im Tierversuch entzündungshemmend und senkt den Blutzucker. Die dafür notwendigen Dosen können jedoch durch Rotweintrinken nicht erreicht werden. Trotzdem hält sich das Marketinggerücht hartnäckig, es bestünde ein Zusammenhang zwischen Resveratrol und längerer Lebenserwartung in Regionen mit hohem Rotweinkonsum.

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es nach wie vor nur eine Methode, den Alterungsprozess zu bremsen: weniger essen. Dass kalorienarme Diät das Leben verlängert, ist durch Tierversuche und epidemiologische Daten beim Menschen belegt. An den dafür in der Zelle verantwortlichen Enzymen, den „Sirtuinen“, forscht die Pharmaindustrie seit Jahren in der Hoffnung, neue Mittel gegen Übergewicht und Alterung zu finden. Doch alle Versuche, an der genetischen Lebensuhr zu drehen, blieben ohne Erfolg.

Eine neue Studie gibt den ausgehungerten Jungbrunnenforschern wieder Nahrung. Wissenschaftler der Mayo-Klinik in Rochester (USA) konnten Mäuse drastisch verjüngen, indem sie mit einem genetischen Trick die „seneszenten Zellen“ der Tiere entfernten.

Wenn die Erbinformation durch Strahlen, Chemikalien oder Alterung geschädigt wird, stoppt ein genetisches Programm die Zellteilung, damit keine Krebszellen entstehen können. Die nun teilungsunfähigen, aber noch lebendigen „seneszenten Zellen“ produzieren Entzündungsstoffe, die das Immunsystem aktivieren. Dadurch werden die halb toten Zellen, wenn alles gutgeht, schließlich abgebaut und weggeschafft.

Allerdings lässt die Leistungsfähigkeit des Immunsystems im Laufe des Lebens nach, so dass sich seneszente Zellen anhäufen. Bei typischen Alterserkrankungen – Arthrose, Arterienverkalkung, Grauer Star – finden sich im kranken Gewebe massenweise seneszente Zellen, die eine chronische Entzündung hervorrufen.

Die Mayo-Forscher konnten jetzt zeigen, dass die teilungsunfähigen Zellen keine Folge, sondern Ursache der Alterserkrankungen sind. Sie schleusten in Labormäuse einen genetischen Schalter ein, der jede Zelle sofort abtötet, wenn sie ihr Seneszenz-Programm startet. Bei den so von den halb toten Vampirzellen befreiten Versuchstieren blieben die alterstypischen Entzündungen aus. Die Tiere bekamen weder Arthrose noch Grauen Star, Muskulatur und Fettgewebe bildeten sich im Alter kaum zurück.

Die Jungbrunnenforscher versuchen jetzt natürlich, auch das Seneszenz-Programm menschlicher Zellen zu stoppen. Damit wollen sie nicht nur Falten, Arthrose und Altersschwäche verhindern, sondern auch die Lebenserwartung insgesamt verlängern.

Rein physikalisch gibt es keinen Grund, warum Lebewesen sterben müssen. Der Tod ist, so eine Theorie, nur eine Erfindung der Evolution, um die Weiterentwicklung der Arten zu ermöglichen. Wenn es gelingt, die zugehörigen Gene umzuprogrammieren, könnten Menschen vielleicht ewig leben.

Der unglückliche Alien Wowbagger wurde übrigens mithilfe eines Teilchenbeschleunigers, einer größeren Menge Alkohol und zwei Gummibändern unsterblich. Da er noch irgendwo herumlaufen muss, wird er eines Tages vielleicht die Einzelheiten des Rezepts verraten und damit steinreich werden – aber natürlich erst, wenn er mit dem Beleidigen des Universums fertig ist.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

24 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben