Meinung : WM-Übertragungsrechte: Rechnung an alle

Joachim Huber

Die "Soziale Marktwirtschaft" ist ein dankbarer, weil dehnbarer Begriff. Am Freitag hat ihn Bundeskanzler Schröder wieder verwendet - und neu interpretiert. Beim Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes rief Schröder die Verhandlungspartner um die Fernseh-Rechte zu den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 zu einer Einigung "im Sinne einer wohlverstandenen sozialen Marktwirtschaft" auf. In diesem Sinne werden sich ARD, ZDF und die Kirch-Gruppe verständigen: ein Markt für wenige und die Rechnung an alle.

Leo Kirch ist mit dem Milliarden teuren Kauf der Europarechte wieder auf der Rasierklinge geritten - und auf der richtigen Seite heruntergefallen. ARD und ZDF werden für mehr als eine halbe Milliarde Mark rund 50 Partien der Turniere in Südkorea/Japan und Deutschland kaufen. Ist denn der Bruttopreis von zehn Millionen Mark für ein WM-Spiel 2002 im Frühstücksfernsehen jemals einem Markttest unterzogen worden? Ist er nicht. Die Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 verschlingen ungeheure Gebührensummen und werden zum heutigen Datum die teuersten Fernsehübertragungen in diesem Land darstellen. Aber für Fußball im Fernsehen setzt der bundesdeutsche Verstand gerne aus. Also muss eine Fußball-Weltmeisterschaft, und ganz besonders im eigenen Land wie 2006, als nationale Aufgabe behandelt werden. Wie eine Expo: Alles Geld der Welt zum Fenster hinausschaufeln und dann klammheimlich beim Steuerzahler wieder in die Kasse holen.

So werden auch die Rechtekosten für den WM-Fußball über den Gebührenzahler sozialisiert. Weder Leo Kirch noch die Fernsehsender noch der Kanzler wollten und wollen anderes als den Fernseh-Fußball-Event im ersten und im zweiten Programm. Weil sich nur hier Marktwirtschaft und Soziales aufs Beste zur Sozialen Fußball-Wirtschaft verbinden lassen. Niemals würden die privaten Fernsehprogramme, und schon gar nicht die Kirch eigenen, die Hunderte von Millionen Mark für 50 mal 90 Spielminuten ausgeben. Zudem garantieren allein ARD und ZDF eine Rundum-Berichterstattung. Bei der Expo waren weder RTL noch Sat 1 in Hannover auf Sendung. In die nächste Gebührenerhöhung für die öffentlich-rechtlichen Anstalten ab 2003 werden die Rechtekosten eingepreist, und wer dagegen protestiert, der versündigt sich am deutschen Fernseh- und Fußball-Volk. Das sind beinahe 80 Millionen. Würde sich ein deutscher Bundeskanzler nicht um seine Chancen auf Wiederwahl bringen, wenn er Kirch und ARD/ZDF nicht zur Einigung um beinahe jeden Preis aufforderte? Mit dem Schröder-Wort in Basta-Qualität war Leo Kirch salviert und das Runde im öffentlich-rechtlichen Eckigen platziert.

Fußball ist Spannung, Fußball ist Emotion, Fußball gibt manchen Lebensläufen mehr Sinn als Arbeit, Beruf und Familie. Und das Fernsehen transportiert diese Qualitäten. Nichts dagegen, es verblüfft eben nur die Generosität im Umgang mit dem Geld. Ums Kindergeld wird gefeilscht, bei der Rentenreform bis hinter die Komma-Stelle gestritten - allein der Fernsehfußball läuft nach eigenen, ja irrationalen Gesetzen. Nationalstolz erscheint als die Antwort auf die Frage, wie viele Deutsche eine Fußball-WM im Free-TV sehen dürfen. Wenn alle bei ARD und ZDF zusehen dürfen, dann ist dieses Land sehr stolz.

Leo Kirch allein, dieser grandiose Rechte-Händler und Menschenkenner in Unterföhring bei München, hat erkannt, dass eine Fußball-WM in Deutschland zur Chefsache wird. Seine Geschäftsrisiken (mit dem Bezahlfernsehen) sind auf fremde Schultern abgewälzt worden. Noch nie waren der sozialdemokratische Kanzler und der konservative Kirch so eng beieinander wie beim WM-Fernseh-Fußball, diesem Lehrstück über soziale Marktwirtschaft in Deutschland.

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