Meinung : Wo bleibt die Lobby der Senioren?

Foto: Sören Marotz/nexus
Foto: Sören Marotz/nexus

Berichterstattung zur möglichen Schließung von DB-Agenturen

Voller Unverständnis höre ich von Plänen der Deutschen Bahn, Agenturen für den Fahrkartenverkauf derart zu reduzieren, dass die meisten von ihnen wohl wegfallen werden. Dabei kenne ich nur gute Urteile über die Qualität dieser Verkaufsstellen. Gerade viele ältere Menschen haben Probleme mit Automaten, oder sie haben keinen Internetzugang. Sie brauchen also die Beratung am Schalter, insbesondere über vergünstigte Angebote. Will die Bahn diese auf solche Weise einschränken? Nach dem großen Ärger der Bahn-Kunden über Zugausfälle und -verspätungen, reparaturbedürftige ICE-Züge, dauernde Preiserhöhungen etc. nun auch eine weitere Minderung des Service beim Fahrkartenverkauf!

Hansjörg Ehrke, Dekan i. R., Berlin-Wannsee

Viele Mängel, schlechter Service und dann auch noch die Preise erhöhen – die Bahn macht es selbst ausgemachten Befürwortern des öffentlichen Verkehrs nicht leicht, sie zu verteidigen. Sie weisen in Ihrem Brief darauf hin, dass durch die Politik der Bahn ältere Menschen in besonderer Weise benachteiligt werden, weil viele Senioren oft Schwierigkeiten mit Automaten und keinen Zugang zum Internet hätten.

Meiner Ansicht nach benachteiligt der Automatenverkauf Senioren nicht in besonderer Weise, denn die Fahrkartenautomaten der Bahn überfordern Menschen aller Altersgruppen, zumindest wenn sie mehr vorhaben, als nur eine Karte von A nach B zum sofortigen Fahrtantritt zu erwerben. Anders sieht es beim Internet aus.

Das Bild vom Rentner, der mit der modernen Kommunikationstechnologie nicht mehr klarkommt, finde ich etwas einseitig. Denn es gibt sie, die älteren Frauen und Männer, die sich voller Begeisterung in die Technik eingearbeitet haben und nun manchem Jüngeren etwas vormachen können. Es gibt die Senioren-Computerclubs, Computerkurse für „Silver-Surfer“ und gut besuchte Senioren-Communities im Netz. Durch das Internet wird auch für Senioren vieles leichter, bequemer und interessanter. Sie können z. B. ohne großen Aufwand mit ihren Enkeln, die ein Auslandsjahr absolvieren, in Kontakt bleiben, sich vor größeren Anschaffungen bei verschiedenen Anbietern informieren oder auch das günstigste Angebot für eine Bahnreise buchen, ohne einen Fuß vor die Tür gesetzt haben zu müssen.

Zugegeben: Auch dieses Bild ist ein Klischee. Die zunehmende Digitalisierung des täglichen Lebens kann vor allem für mobilitätseingeschränkte ältere Menschen zwar einen Zugewinn an Handlungsmöglichkeiten bedeuten. Wenn Menschen aus welchen Gründen auch immer das Internet aber nicht nutzen können, führt die zunehmende Verlagerung von Informationsangeboten und Dienstleistungen ins Web zu ihrer Verdrängung und Diskriminierung. Zu denen, die ausgegrenzt werden, gehören vor allem ältere Menschen. Tatsächlich ist es so, dass zwar 97 Prozent der 14- bis 19-Jährigen online sind, aber nur 30 Prozent der 70-Jährigen und Älteren. Einer Befragung des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) zufolge sind Senioren außerdem auch dann, wenn sie über einen eigenen Computer und Internetzugang verfügen, viel seltener online als jüngere Nutzer und verzichten häufig grundsätzlich auf Transaktionen im Netz.

Die sogenannte digitale Kluft zwischen jenen, die mit dem Internet aufgewachsen sind oder gelernt haben damit umzugehen, und jenen, die keinen Zugang zur virtuellen Welt haben, wird mit jedem Jahr kleiner. Sie ist aber immer noch so groß, dass sich eine Unternehmenspolitik von selbst verbieten sollte, die Fahrkartenkäufe weitgehend ins Internet verlagert. Es ist ein beklagenswerter Akt der Entsolidarisierung. Vielleicht hat er damit zu tun, dass sich jüngere Menschen das Leben ohne Internet nicht vorstellen können und ihnen so das Einfühlungsvermögen in die Lebenswelt der älteren Nichtnutzer abhandenkommt.

Das Thema wird von Seniorenorganisationen und Seniorenvertretungen kaum aufgenommen. Sie stecken in einem Dilemma. Wenn sie zu offensiv Rücksichtnahme auf die „Outsider“ der schönen neuen IT-Welt einfordern würden, könnte dieses Vorgehen das Stereotyp des technikabstinenten, kaum lernfähigen älteren Menschen, der sich nicht mehr an Neues gewöhnen kann, bestätigen. Und das, wo das über viele Jahrzehnte negative und defizitorientierte Altersbild sich gerade erst langsam aufgehellt hat.

Trotzdem ist das Eintreten für die Belange derer, die ausgegrenzt werden, richtig. Es geht nicht darum, dass „viele Ältere die Vorteile des Webs noch nicht kennen“, wie die Bitkom formuliert, als ließe sich die digitale Kluft mit einer Informations- und Werbekampagne schließen. Solange ein so hoher Prozentsatz der Bevölkerung das Internet nicht nutzt, müssen öffentliche Angebote immer auch in herkömmlicher Weise zugänglich sein: Amtliche Bekanntmachungen gehören auch ins Amtsblatt und sollten nicht nur online veröffentlicht werden und Fahrkarten muss man eben auch im Reisebüro oder am Schalter kaufen können.

— Dr. Christine von Blanckenburg vom

Nexus-Institut für Kooperationsmanagement

und Interdisziplinäre Forschung in Berlin

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