Meinung : Wo er uns findet

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Von Anne Gidion und Susanna Schmidt

WO IST GOTT?

Mit Gott ist eine Messehalle zu füllen." Abends, nach einem langen Tag, dem ersten Tag des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin, fällt dieser Satz. Eindrücke werden gesammelt, Verantwortliche berichten von Misslungenem und Geglücktem, zaghaft macht sich erste Freude breit – etwas, was viele Menschen lange geplant haben, ist auf einem guten Weg. Über viele Themen wird während dieses großen Christentreffens gesprochen, über Menschenwürde und Frieden, über Europa und Demokratie, über Ökumene und konfessionelle Identität. Aber kein Thema zieht die Besucherinnen und Besucher so an wie das Thema Gott: Braucht der Mensch Religion? Leben spirituelle Menschen anders, auch wenn sie sich in ihrem Alltag als Banker, als Politiker, als Familienmütter und väter vielen Zwängen ausgesetzt sehen? Wie können Menschen überhaupt Gott erfahren? Wo ist Gott?

Ja, wo ist Gott in diesen Tagen? Auf dem Messegelände, wo zahlreiche Veranstaltungen stattgefunden haben? Dann hat er dort viele Menschen gesehen, Hunderttausende. Junge und Alte, Kinder, ganze Rudel von Menschen, die reden und essen, mit einem gelben Schal um jedes erdenkliche Körperteil gewickelt, mit lila Bändern im Haar, mit wichtigen Ausweisen um den Hals und dicken Programmheften in der Hand. Gott ist glücklichen Menschen begegnet, die in der hellen Sonne blinzeln. Er hat Menschen geholfen, die sich verlaufen haben. Er stand häufiger vor dem Schild „Halle überfüllt", das hat ihn aber nicht gehindert. Sicher war er nicht nur im Geistlichen Zentrum, sondern auch mitten in Berlin; nicht nur bei den großen Bühnen, sondern auch in der Suppenküche in Pankow. Er wundert sich vielleicht über die vielen roten Rettungsringe, die am Himmel schweben. Auch die vielen kleinen und großen gestrichelten Kreise erstaunen ihn zunächst. Überhaupt – Heiligenscheine. Er selber hat keinen. Was sie sich alles so ausdenken, die Menschen.

Gott beobachtet. Er hat nie ganz verstanden, warum die Menschen sich unbedingt in verschiedenen Gruppen organisieren müssen, um von ihm zu reden. Ob sie jetzt durch dieses Christentreffen gelernt haben? Er ist auch immer wieder neu verwundert, dass Menschen behaupten, ihn so genau zu kennen, die ihm kaum je zugehört haben. Was Gott denkt in diesen Tagen? Er kann durch Wände hindurch hören. Wenn ihm etwas auffällt, bleibt er stehen und lauscht: „An dem Thema Gott müssen wir dran bleiben." Dieselbe Runde wie vorhin. Er lächelt. Bleibt nur dran, denkt er. Ich werde auch da sein.

Anne Gidion, evangelische Theologin, und Dr. Susanna Schmidt, Direktorin der Katholischen Akademie in Berlin, sind Mitglieder des Vorstandes des Ökumenischen Kirchentages.

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