Meinung : Wo ist Gott?: Tanzende Freundin

Margot Kässmann

Für mich gibt es verschiedene Weisen, Gott ganz persönlich zu erfahren. Gott ist mir Gegenüber, Gesprächspartner, Freundin, Instanz, an die ich mich wenden kann. Das Gespräch mit Gott will allerdings eingeübt werden, es gelingt nicht von heute auf morgen. Das gilt ja auch für Gespräche mit Menschen. Wir nähern uns an, wir haben ein erstes Gespräch, ein zweites, ein längeres, und schließlich entsteht eine tiefe Beziehung.

Wenn ich bete, bin ich mit Gott im Gespräch, kann offen und ehrlich sein, schauen, was gelingt, wo ich versage und aussprechen, welche Fragen ich habe. Manche Klärung in meinem Leben ist auf diese Weise zustande gekommen. Zu diesem Gespräch, zum Gebet brauche ich die Stille - zu Hause, bei einem Spaziergang oder einer Laufrunde um den Maschsee in Hannover. Das große Vertrauen zu Gott erwächst für mich aus der Verheißung, dass Gott mich tragen und halten wird in diesem Leben und über dieses Leben hinaus.

Zum anderen begegne ich Gott, wenn ich in der Bibel lese, was ich täglich mache. Immer wieder sind es für mich bestimmte Texte, die mir Hoffnung machen oder mich kritisch hinterfragen. Da geht es um eine Kontrastgesellschaft, in der die Sanftmütigen und Friedfertigen glücklich gepriesen werden, um die Verheißung, dass eines Tages Gott alle Tränen abwischen wird, oder um die Mahnung, Fremde zu achten. Immer wieder geht es darum, diese Glaubenszeugnisse in unsere Zeit und ihre Fragen nach dem Glauben zu übersetzen.

Eine dritte Weise der Gottesbegegnung ereignet sich durch Menschen: Im Antlitz des anderen, in der liebevollen Zuwendung eines Menschen, in einem selbstlosen Einsatz für Schwache, in einer zärtlichen Umarmung kann Gottes Liebe und Menschenfreundlichkeit erkennbar werden. Im anderen, gerade in denen, die uns brauchen, aber auch in denen, die uns beistehen, begegnen wir Christus.

Und selbstverständlich - als vierten Punkt - begegne ich Gott auch durch die Spiritualität. Gerade im evangelischen Bereich entdecken wir neu, dass in der Stille, in Musik, Liturgie, Tanz, in vielen spirituellen Dimensionen Gotteserfahrung möglich ist. Aber nicht jede Erfahrung ist auch eine Gotteserfahrung. Aus problematischer Erfahrung, etwa in der Zeit des Nationalsozialismus, ist deutlich, dass es hier ein kritisches Element geben muss.

Die Sinnlichkeit von Glaubenserfahrung können wir dennoch neu entdecken. Schließlich ist mir auf zentrale Weise wichtig, dass die Menschen begreifen, dass man Gott auch dann erfahren kann, wenn man leidet. Diese Verzweiflung von Menschen, wenn sie dabei sind zu sterben. Die Angst in den Flugzeugen am 11. September und auch in den Hochhäusern. Das Schreien von Kindern, die missbraucht werden.

Gott hat sich der Verwundbarkeit des Lebens preisgegeben als Kind. Und Gott kennt Leiden. Gott ist da, wo Menschen Angst, Lebensangst haben und steht ihnen bei und sagt: "Fürchtet euch nicht!" Denn wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns trägt über den Tod hinaus.

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