Meinung : Wowereits Coming-Out: Homo? Hetero? Egal.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tagesze

Klaus Wowereit hat ein ziemlich gutes Argument auf seiner Seite: Berlin ist von Heterosexuellen ruiniert worden - und es ist Zeit für einen Wechsel.

In der Großen Koalititon geht es schon länger zu wie in einer Ehe, die sich überlebt hat. Die Kinder sind aus dem Haus, die Liebe ist tot, und das Einzige, worüber man überhaupt noch redet, ist - Geld. Das ist ein günstiger Augenblick für Politiker, sich zu outen. Schwule Autoren, von Oscar Wilde bis Henry James, sind überaus talentierte Beobachter zerrütteter Ehen. Wahrscheinlich muss man beides sein - insider und outsider, drinnen und draußen - um einen ganz genauen Blick für Schwächen zu haben und dann drumherum ein dramatisches Netz zu weben.

Das Gleiche gilt wohl auch für schwule Politiker. Sie sind oft scharfsinnige Analytiker, Modernisierer mit einem guten Gefühl für das timing. Homosexuelle haben immer einen bedeutenden Anteil an der Gestaltung und Inszenierung von Politik gehabt. Jeder Bundeskanzler - und Helmut Kohl ganz besonders - hat dem Rat von Homosexuellen vertraut. Und jeder einigermaßen erfahrene Journalist in Berlin kennt ein Dutzend Top-Politiker, die männliche Begleitung bevorzugen (und ich rede nicht von Angela Merkel).

Doch anders als früher bedeutet das outing nicht mehr automatisch, dass man die nächste Wahl vergessen kann - vielleicht gilt heute sogar gerade das Gegenteil (außer im armen, finsteren Bayern natürlich). Der Bürgermeister von Paris ist schwul, ebenso eine ganze Reihe renommierter britischer Politiker, von dem früheren Minister Nick Brown bis zum Euro-Strategen Peter Mandelson. Und der Mann, der künftig wahrscheinlich die Konservativen führen wird, Michael Portillo, hat zugegeben, dass er als Student schwule Liebhaber hatte.

Ergo: Heute ist es gefährlicher seine sexuellen Vorlieben zu verheimlichen als die Sache selbst. Ein Politiker, der seine Sexualität verbirgt, oder sogar einfach nur für unwichtig erklärt, der ist doch bestimmt auch in der Lage, andere Dinge zu verstecken und einfach zu verschweigen. Ich schätzte, so sehen die Berliner die Sache.

Natürlich mögen die Briten die Idee, dass Berlin von einem Schwulen regiert wird - es passt perfekt in ihr lachhaftes Klischee, dass Berlin sexy ist. Klar gab es immer Sex in Berlin - aber eben meistens für Geld. Die Prostitution, die von Professionellen wie die von Amateuren, war ein Nebeneffekt von zwei gräßlichen Weltkriegen. Meine, zugegebenermaßen, eher bescheidenen Erfahrungen auf diesem Gebiet sind ganz anders. Die Berliner haben mit Sex nichts am Hut. Sogar wenn sie in den Swinger Club gehen, bringen sie es fertig, nackt über Autopreise und Hertha zu reden.

Nein, Berlin ist nicht sexy und nach allem, was ich weiß, gilt das Gleiche auch für Herrn Wowereit. Aber die Stadt braucht dringend ein neues Gesicht. Berlin hat sich neu erfunden, in jeder Sphäre, in jeder Hinsicht - nur das politische Mangement ist notorisch von gestern. Wir brauchen eine neue politische Klasse in Berlin, eine, die Debatten anzetteln kann, die Vertrauen erzeugt, weil sie intelligent mit Geld umzugehen versteht. Homo? Hetero? Wurschtegal. Aber bitte - keine Sado-Masochisten. Diese Stadt hat schon genug Schmerzen ertragen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar