Wucher statt Wachstum : Reich der armen Mitte

In jeder Krise steckt eine Chance, sagt das Sprichwort. In China lässt sich die Redensart sogar etymologisch herleiten: Krise heißt auf Chinesisch "Weiji". Die erste Silbe heißt "Gefahr", die zweite "Möglichkeit". In jeder chinesischen Krise schwingt die Chance mit. Nur wie?

Bernhard Bartsch

Bisher zeigt sich das globale Konjunkturbeben auch in der Volksrepublik vorrangig von seiner gefährlichen Seite. Weil weltweit die Nachfrage nach chinesischen Produkten einbricht, verlangsamt sich Chinas Wachstum um mehr als ein Drittel. Boomte das Land 2007 noch mit 11,9 Prozent, so erwartet die Weltbank für 2009 nur noch 7,5 Prozent. Zwar würden wir im rezessionsgeschundenen Europa von solchen Statistiken träumen, doch für China ist der Einbruch außerordentlich schmerzhaft. Zehntausende Fabriken gehen im Moment pleite, Millionen Arbeiter verlieren ihre Anstellungen, Universitätsabsolventen finden nach ihrem Abschluss keine Jobs, und die arme Mehrheit verliert die Hoffnung auf einen zumindest kleinen Wohlstand.

Zwar hat Peking ein gewaltiges Konjunkturprogramm aufgelegt, das die Auswirkungen der Krise abfedern soll. Über 1,2 Billionen Euro will die Regierung in Infrastrukturprojekte investieren. Doch auch wenn die Maßnahme zweifellos ein richtiger Schritt ist, so kann sie doch nur die Symptome beseitigen, nicht die Ursachen.

Denn wie überall fördert die Krise auch in China lang verdrängte Probleme ans Tageslicht. Das Wirtschaftsmodell, das der Volksrepublik in den 30 Jahren seit Beginn der Öffnungspolitik einen atemberaubenden Aufstieg beschert hat, ist nicht zukunftsfähig. Zugunsten schneller Entwicklung hat China Raubbau an Umwelt und Ressourcen betrieben, und dass die Exportwirtschaft ein Drittel zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, macht das Land abhängiger, als es je werden wollte. In vieler Hinsicht ist die Volksrepublik eher gewuchert als gewachsen.

Diese Analyse ist nicht einmal in Peking umstritten. Dass China sein Wachstum auf eine neue Basis stellen muss, ist längst offizielle Politik. Umweltschutz, Energieeffizienz und Binnenkonsum sind seit Jahren populäre Slogans. Aber bisher folgten den Worten nicht die nötigen Taten. Doch da Wandel nur dort stattfindet, wo der Druck entsprechend groß ist, besteht die Hoffnung, dass die Krise ermöglicht, was die Vernunft alleine nicht vermochte. Im Pekinger Machtgefüge könnte damit eine Fraktion wieder an Einfluss gewinnen, die in den vergangenen Jahren zunehmend ins Abseits geraten ist, obwohl das Land ihr alles verdankt, worauf es heute stolz ist: die Reformer.

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