Meinung : Zähneputzen mit Rabatt Die gesetzlichen Krankenkassen planen Beitragsnachlässe

Ursula Weidenfeld

Die Barmer Ersatzkasse will demnächst Patienten mit Beitragsrabatten belohnen, wenn sie das Rauchen aufgeben oder abspecken. Die Techniker Krankenkasse will Versicherten einen Nachlass auf den Versicherungssatz gewähren, wenn sie selten zum Arzt gehen. Wahrscheinlich dauert es nur noch ein paar Wochen, bis die Deutsche Angestelltenkrankenkasse sich überlegt, Eltern, deren Kinder sich regelmäßig die Zähne putzen, zu belohnen. Oder die Allgemeinen Ortskrankenkassen geben einen Rabatt, wenn Versicherte sich bereit erklären, bestimmte Leistungen generell privat zu bezahlen.

Ist das ein Angriff auf das gute alte solidarisch finanzierte Gesundheitssystem? Ja. Ist es deshalb falsch? Nein. Im Gegenteil. Die Barmer Ersatzkasse und die Techniker Krankenkasse nehmen mit ihren Überlegungen nur das vorweg, was zwangsläufig mit der nächsten oder übernächsten Gesundheitsreform auf die Versicherten zukommen wird: Differenzierte Leistungen und entsprechend differenzierte Tarife. Die Krankenkassen werden die grundsätzlichen Krankheitsrisiken ihrer Versicherten weiterhin abdecken. Wer aber auf Leistungen verzichtet oder sich zu einer bestimmten Lebensführung verpflichtet, wird einen Rabatt bekommen. Damit wird der bisherige Beitragssatz über kurz oder lang zur Obergrenze in der Versicherung. Der wird von denen bezahlt, die die volle Versorgung wollen oder brauchen.

Damit werden die gesetzlichen Krankenkassen den Privatkassen immer ähnlicher. Alle Gesundheitsreformentwürfe, die derzeit ernsthaft diskutiert werden, sehen ein deutliches Aufweichen der Unterschiede zwischen Pflicht- und Privatkassen vor. Damit würden nicht nur die Kassen untereinander in wirklichen Wettbewerb treten. Die Kassen könnten auch beim Einkauf von Gesundheitsleistungen bei Ärzten und Krankenhäusern über Preise verhandeln.

Zwar haben die Modelle der Krankenkassen ihre Tücken: So ist zum Beispiel kaum einsehbar, dass ein Motorrad- oder Skifahrer trotz seines hohen Unfallrisikos einen Rabatt bekommen soll. Ein mäßiger Raucher dagegen, der kerngesund ist und auch noch Sport treibt, würde leer ausgehen. Doch das sind Fragen, die durch ein neues Tarifsystem aufgefangen werden können – solange sicher gestellt wird, dass jede Krankenkasse jeden Versicherten akzeptieren und ihm ein Angebot machen muss.

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