Meinung : Zehn Jahre in der Warteschleife

Christoph von Marschall

Solch einen Zulauf haben GUS-Gipfel lange nicht erlebt. Die Regierungschefs von zwölf ehemaligen Sowjetrepubliken trafen sich am Freitag im Kreml zum zehnten Jahrestag der Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Wladimir Putin hob das gemeinsame Interesse am Kampf gegen den Terrorismus hervor. Viele hatten die GUS bereits als künstliche - also kurzlebige - Übergangsform abgetan. Eröffnet ihr nun ausgerechnet der 11. September eine Zukunft?

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Und doch haben sie nicht ausgereicht, um das Projekt GUS nachhaltig mit Substanz zu füllen. Es waren zehn Jahre des Hinhaltens, des Ausprobierens, des Verwerfens. Wie auf so vielen Feldern der postsowjetischen Entwicklung in und um Russland haben sich auch hier weder die Hoffnungen noch die Befürchtungen erfüllt. Vieles lief glimpflicher ab als 1991 erwartet. Und doch entstanden in diesen Jahren, fast unbemerkt, die Voraussetzungen für Ereignisse, die damals unvorstellbar waren: Heute sind westliche Truppen im Süden der ehemaligen Sowjetunion an der afghanischen Grenze stationiert.

Die Wochen und Monate nach dem Putsch gegen Michail Gorbatschow im Sommer 1991 waren geprägt vom Gefühl einer Renaissance des Nationalstaates. Vom Baltikum bis in den Kaukasus und nach Zentralasien erbrachten die Volksabstimmungen in den einzelnen Republiken eindrucksvolle Voten für die Souveränität. Die Welt stand unter dem Eindruck der Wende, die Ostmitteleuropa zwei Jahre zuvor, im Herbst 1989, erlebt hatte: der antikommunistischen Revolutionen in Polen, Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei; der Befreiung von russischer Hegemonie; des Anknüpfens an nationalstaatliche Traditionen .

Moskau befürchtete, die Kontrolle über das ehemalige Herrschaftsgebiet vollends zu verlieren. Die GUS war auch als Mittel gedacht, um an Einfluss zu retten, was sich retten ließ - und als Rahmen, der später womöglich die Reintegration des Imperiums erlauben würde. Da war zudem die jahrzehntelange Arbeitsteilung bei der Produktion, die auf innersowjetische Republikgrenzen keine Rücksicht genommen hatte. Absurd war der Gedanke erschienen, es könne auseinanderwachsen, was zusammengehört. Das sinnfällige Streichholz-Beispiel - Holz aus den nordischen Wäldern, Schwefelköpfchen aus dem Süden, Pappschachtel aus der Ukraine - galt ebenso für Lkw-Herstellung oder Raumfahrt. Bald schwärmten manche, die GUS werde der Europäischen Gemeinschaft nacheifern bei ihrer wirtschaftlichen Integration.

Die Kraft zur politischen wie ökonomischen Unabhängigkeit haben allein die baltischen Staaten bewiesen. Alle anderen Ex-Sowjet-Republiken sind heute in der einen oder anderen Form abhängig von Moskau. Die Ukraine kann ohne russisches Öl und Gas nicht überleben - müsste sie die Rechnungen bezahlen, wäre der Staat endgültig bankrott. In Georgien hat Russland die Abspaltung Abchasiens genutzt, um "Friedenstruppen" zu stationieren. Der gemeinsame Kampf gegen islamische Fundamentalisten, nicht nur an den Grenzen zu Afghanistan, bindet die zentralasiatischen Staaten an Moskau.

Umgekehrt hatte Russland in seiner eigenen Krise wenig anzubieten, um den GUS-Partnern eine engere Kooperation schmackhaft zu machen. Halbsouveräne Staaten in einem lockeren, fast unverbindlichen Zusammenhalt - das ist die GUS zehn Jahre nach dem "Zusammenbruch", nach der "Revolution". Wenn 1991 eine Revolution war, dann eine, die noch immer ihr Ziel sucht. Und soweit es den Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete: Das alte System ist zu einem Gutteil beseitigt, aber was aus den Trümmern wächst, hat noch immer keine klare Kontur.

Ist die GUS also nur eine Übergangsform, die wieder zerfällt? Oder ein Zwischenstadium auf dem Weg zu etwas Neuem, das noch an Stabilität gewinnen kann? Nach dem 11. September stellt sich die Frage neu. Die US-Truppen an der Südgrenze sind nur das augenfälligste Beispiel für eine Entspannung des Ost-West-Konflikts, der die Zeit über 1991 hinaus geprägt hatte. Der Wettbewerb um die Nutzung der Öl- und Gasreserven unter dem Kaspischen Meer, der das Seine zu den Regionalkriegen im Kaukasus beigetragen hatte, wird inzwischen weniger konfrontativ ausgetragen. Die GUS ist der Raum, der die Abhängigkeit des Westens von den Energiequellen im unruhigen Gebiet zwischen Nahost und Persischem Golf mildern kann.

Der Westen steht vor der Herausforderung, sein Verhältnis zu einem Russland, das unter Wladimir Putin mehr Kooperation sucht, neu zu definieren. Die Zukunft der GUS gehört dazu. Erst heute, zehn Jahre nach ihrer Gründung, ist das Feld bereitet, um Entwicklungschancen ins Auge zu fassen, die nicht mehr vom Ost-West-Konflikt bestimmt werden.

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