Zehn Jahre nach 9/11 : Falsche Kriege mit richtigen Zielen

Clausewitz hat recht. Krieg ist die Verlängerung der Politik mit anderen Mitteln. Und dennoch: Streitkräfte alleine können keine Demokratie errichten. Wer Despotie und Terror den Krieg erklärt, muss die Folgen seines Handelns bedenken.

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Mahnmal für die Opfer des 11. September 2001.
Mahnmal für die Opfer des 11. September 2001.Foto: Reuters

Da sind sie jetzt wieder mit Macht, die düsteren Erinnerungen, die Schreckensbilder, die furchtvollen Kommentare. Menschen in Angst, die sich in ihrer Not aus den Fenstern werfen, in den Tod stürzen, Feuerwehrleute, die alles geben, um in den Türmen Leben zu retten, und dabei ihres lassen. Und dann dieses Flugzeug mit der Nummer 93: Zu allem entschlossene, ganz normale Amerikaner, die im entscheidenden Moment über sich hinauswachsen, unter höchstem Einsatz Terroristen davon abhalten, die politische Schaltzentrale Amerikas zu zerstören, das Weiße Haus, Symbol aller Stärken der Vormacht der westlichen Welt. Das Gestern ist wieder da.

Wo warst du, wo war ich, diese Fragen werden wieder gestellt und jede für sich beantwortet. Aber eine Frage, die sich nach dem Angriff auf Amerika allen gestellt hat, muss auch aufs Neue beantwortet werden, und nicht nur in Form einer Reminiszenz. Rückblick ist Ausblick, in diesem Fall: Viele kluge Köpfe haben sich darangemacht zu erklären, wie das ist mit dem asymmetrischen Krieg der Terroristen, denen das Leben der anderen nichts gilt, noch das eigene etwas wert ist. Wie sollen wir dessen Herr werden?

Die Frage zu stellen heißt, die Antwort noch immer nicht gefunden zu haben, sie aber immer weiter suchen zu müssen. Denn allein sie verspricht mehr Frieden. Streitkräfte, wie der Name schon sagt, sind nicht geeignet, nicht auf Dauer jedenfalls, die Welt vom Schrecken der Despoten frei zu halten. Sie können sie bekämpfen; sie können sie im besten Fall schlagen und aus dem Amt entfernen. Aber die Menschen hinter einer Idee einen, friedlich, längerfristig, das können sie nicht. Das ist nicht ihr Auftrag. Demokratie will anders errungen sein.

Wohlfeile Worte sind das, ganz sicher. Doch sind sie, verbunden mit gutem Beispiel und geduldiger Wiederholung, auch eine scharfe Waffe. Das ist das Spannungsfeld, das es zu bearbeiten gilt: Wir dürfen aufgrund unserer zivilisatorischen, unserer zivilen Prägung nicht ignorieren, wo überall auf der Welt Unrecht geschieht; wir sollen andererseits tolerieren, dass Staaten, die ja gewissermaßen auch nur Menschen sind, unterschiedliche Wege gehen können. Das Feld liegt zwischen Ignoranz und Toleranz.

Die Maßstäbe der Aufklärung anlegen und aufgeklärt handeln, zutiefst human und zugleich entschlossen, diesen Werten Geltung zu verschaffen – das ist die seit zehn Jahren, seit dem Angriff auf Amerika, unveränderte Herausforderung. Sie ist inzwischen noch schärfer konturiert. Wer Gewalt als Ultima ratio unter allen Umständen ablehnt, hat ebenso diese Schärfen zu spüren bekommen wie der, der einer Doktrin der vorbeugenden militärischen Aktion anhängt. Das Jahrzehnt ist voller Erkenntnisse darüber, wie falsch die seither geführten Kriege wirken; obwohl doch manche Ziele gar nicht falsch sind. Das Wichtigste wird dann wohl diese Einsicht sein: Sich über Grenzen der eigenen Möglichkeiten keine falschen Vorstellungen zu machen – und das Ende allen Handelns immer mit zu bedenken. Oder so, einfacher: Wer reingeht, muss wissen, wie er wieder herauskommt. Wie er dann die zurücklässt, zu denen er gekommen ist. Und wie er selber zurückbleibt.

Clausewitz hat recht. Krieg ist die Verlängerung der Politik mit anderen Mitteln. Aber Politik muss immer die Stärke der westlichen Welt sein. Das ist aktuellste Lehre der vergangenen zehn Jahre.

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