Meinung : Zur nächsten Party hoppen oder Ruhe bewahren?

Wir betrachten die Dinge mit jungen und alten Augen

Kerstin Kohlenberg

Lieber Methusalem. Es gibt da eine Sache, die ich an euch Alten nicht verstehe. Ihr sagt doch immer, man muss auch mal die Zähne zusammenbeißen, gut Ding hat Weile und so. Ihr sagt das immer dann, wenn ihr uns den Sexappeal von Geduld klar machen wollt. Ihr seid die, die nichts wegschmeißen, keinen alten Hut und kein fünftel kaltes Hähnchen. Jetzt wäre ich endlich so weit, wäre bereit, zu warten, was die Reformen in Berlin bringen, und nun hört man von euch überall: neue Minister, neue Politik, schnellere Schnitte. Und die Minister reagieren darauf: neue Vorlagen, neue Programme, neue Grundsätze. Das ist der Rhythmus eines Musikvideos, wo habt ihr den denn her? Warum darf sich ein Finanzminister eigentlich nicht irren? Wenn er daraus etwas lernt. Auch wenn in Berlin im Moment alles sehr dissonant klingt, habe ich das Gefühl, dass mehr dabei rauskommt, wenn man auf der einen Party bleibt, sich einen Drink holt und mal abwartet, anstatt zur nächsten zu hoppen. Dass so etwas oft mit schlechter Laune endet, kennt man doch von Silvester.

Liebe Kerstin Kohlenberg, neulich war ich in Metzingen, einer kleinen Stadt in Württemberg, mit sieben schönen alten Weinkeltern. Die Stadt prosperiert. Sie ist, seit „Boss“ das vorexerziert hat, ein Mekka für Schnäppchenjäger, und Deutschland („Geiz ist geil“) ist ja für die das Paradies. Wo die Wirtschaft boomt, wird das Leben für Einwohner teilweise zur Hölle. Man hat um die schöne Stadt eine Umgehungsstraße zu bauen begonnen, sie ist fast fertig, doch seit der Mautpleite eine Bauruine. So wird es bleiben, dank Stolpe. Wenn Leute denken, dass Verantwortliche im Amt nichts länger zu suchen haben, dann ist das vom Alter unabhängig. Gilt nicht für Eichel Ähnliches, der immer wieder vom Sparen spricht und immer wieder größere Löcher in die Zukunft reißt? Auch für unsere Kindeskinder, auch für Ihre, deren Zukunft doch der Kanzler schuldenfrei zu machen versprochen hat. Der Bedarf nach Veränderung ist unter diesen Umständen ein vernünftiger Impuls, auch unter Älteren. Und sogar unter Jüngeren. Nur ich darf mich so nennen. Herzlichst Ihr Methusalem Hellmuth Karasek

0 Kommentare

Neuester Kommentar