Zuschauergunst : ARD und ZDF - Qualität statt Quote

Für die beiden öffentlich-rechtlichen Sender war das Jahr 2007, gemessen an der Zuschauergunst, aller Voraussicht nach das schlechteste ihrer Geschichte. Folgt daraus mehr Quotenschielerei?

Markus Ehrenberg

In Hans Weingartners Kinofilm „Free Rainer – Dein Fernseher lügt“, der mit Sperma-Shows die Quotenhörigkeit im deutschen Fernsehen geißelt, gibt es den wenig hintergründigen Satz eines Mannes aus der Unterhaltungsbranche: „Die Zuschauer wollen Titten sehen und wissen, wie man Steuern spart.“ Kann gut sein, dass dieses Motto bei ZDF-Intendant Markus Schächter und ARD-Programmchef Günter Struve demnächst in großen Lettern über dem Schreibtisch prangt.

Für die beiden öffentlich-rechtlichen Sender war das Jahr 2007, gemessen an der Zuschauergunst, aller Voraussicht nach das schlechteste ihrer Geschichte. Nach den Prognosen der TV-Sender wird das Erste trotz Quotenbringern wie Volksmusikmoderator Florian Silbereisen dieses Jahr mit einem Marktanteil von 13,4 Prozent (Vorjahr: 14,2) abschließen. Bisher war der Tiefpunkt das Jahr 2005 mit 13,5 Prozent. Das ZDF kommt voraussichtlich auf 12,8 Prozent (Vorjahr: 13,6). Bislang lag der Minusrekord bei 13,0 Prozent im Jahr 2001.

Auch wenn man einbezieht, dass die Fußball-Weltmeisterschaft als Zuschauermagnet gefehlt und die mediale Konkurrenz durch Dutzende von neuen Sendern sowie Internet-Fernsehen (Youtube!) enorm zugenommen hat – zu befürchten ist, dass ARD und ZDF diese Zahlen zum Anlass nehmen, über ein noch quotenträchtigeres Programm nachzudenken. Es müssen ja nicht gleich Sperma-Shows sein. Mehr Arztserien à la „In aller Freundschaft“, mehr Tour de France, mehr Volksmusik könnten es auch bringen.

Dagegen ist im Grunde genommen wenig einzuwenden. Wir werden immer älter. Man kann bei Volksmusik auch ausschalten und muss nicht unbedingt zu den sechs Millionen Zuschauern gehören. Deutschland ist frei, die Programmwoche lang. Solange eben für den Rest auch noch was bleibt und der öffentlich-rechtliche Programmauftrag ernst genommen wird. Solange ein Fernsehen gemacht wird, für das Namen wie Roger Willemsen, Friedrich Küppersbusch, Dieter Moor und Elke Heidenreich standen und stehen. Letztere haben noch ihren aktuellen Platz im Programm von ARD und ZDF, aber Kulturformate wie „Titel, Thesen, Temperamente“ und „Lesen!“ können von Glück reden, wenn sie nicht gänzlich im Nachtprogramm verschwinden.

Trotzdem Quotenalarm also bei den beiden großen Staatssendern, wegen ihrer vermeintlich miesen Marktanteile 2007? Her mit Brot und Spiele für 2008? Bitte nicht, Herr Struve. Fakt ist: Wer wirklich Barbusiges sehen oder wissen will, wie man Steuern spart, kann sich aufs Privatfernsehen verlassen. Dafür wurde es – auch – geschaffen. Dafür braucht man keine Gebühren zu zahlen. Und eben nicht noch mehr Quotenschielerei seitens der Öffentlich-Rechtlichen.

Weingartners Mediensatire hat mit ihrer Konditionierungsthese schon recht. Es muss im Fernsehen nicht permanent Alexander Kluge schwadronieren, aber wie soll der Zuschauer wissen, was Qualität ist, wie unterhaltsam auch Qualität sein kann, wenn ihm ARD/ZDF täglich Sendungen wie „Brisant“, „Sturm der Liebe“ oder weitere Promi-Kochstudios vor die Nase setzen? „Free Rainer“ hat da eine schöne Lösung. Einfach die Quotenboxen manipulieren, auf dass Kulturmagazine plötzlich zu Quotenhits werden und die Programmchefs keine Bauchschmerzen kriegen. Wenn das so einfach wäre! Gerade hat das Erste einen gewissen Bruce Darnell verpflichtet.

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