Der neue Kick-Assist-Scooter "Smart Ped" : Elektrisch angetreten

Das „Smart Ped“ will eine Alternative zum E-Bike sein, seine Entwicklung wird via Crowdfunding finanziert. Wir haben eine Proberunde mit dem elektrischen Tretroller durch den Invalidenpark gedreht...

Janine Ziemann
Pfützenparcours am Mauerbrunnen: Die ersten Runden mit dem "Smart Ped" zeigen, dass die Handhabung des elektrischen Tretrollers kinderleicht ist.
Pfützenparcours am Mauerbrunnen: Die ersten Runden mit dem "Smart Ped" zeigen, dass die Handhabung des elektrischen Tretrollers...Foto: Stefanie Möser

Kurz bevor ich mit dem Auto in den Tiergartentunnel abtauche, schaue ich noch einmal sorgenvoll in den nassgrauen Himmel hinauf. Den ganzen Vormittag hat es in Strömen gegossen. Ich bin auf dem Weg zum Invalidenpark, wo ich Niko Klansek aus New York treffe. Er will mir seine Erfindung zeigen, das „Smart Ped“. Im Prinzip ein elektrischer Tretroller mit Straßenzulassung. Er nennt es anders: „Es ist das erste legale Kick-Assist-E-Bike der Welt“, hat er mir am Telefon erklärt. Ich bin gespannt auf die Probefahrt.
Und der Himmel ist auf meiner Seite: Als ich am Hauptbahnhof die Tunnelröhre verlasse, hat es tatsächlich etwas aufgeklart. Perfekt, denn das Smart Ped kommt auf 25 km/h Spitze – das wäre wohl etwas schwierig geworden mit Regenschirm in der Hand. Klansek empfängt mich vor dem Mauerbrunnen. Der ist wegen des kommenden Winters schon außer Betrieb, aber dank der Regengüsse heute trotzdem von Pfützen umringt. Mein Gesprächspartner macht einen etwas verfrorenen Eindruck. Der 31-jährige gebürtige Slowene ist Fahrrad-Enthusiast, er sprudelt über vor Ideen und Visionen.

Das Rad mit dem Extra-Kick

Wie fing alles an mit dem „Smart Ped“, dem Tretroller, der elektrisch mittritt? Ganz einfach: Am Anfang war das Rad. Genauer gesagt: das „Smart Wheel“. Ein Fahrrad-Laufrad mit integriertem elektrischem Antrieb. Motor, Batterie, Elektronik und Sensoren verstecken sich fast unsichtbar in der Radnabe. Die Idee ist nicht ganz neu, Hersteller wie Velorapida bieten Pedelecs nach ähnlichem Prinzip an. Aber Klansek hat ein einzelnes Elektro-Rad entwickelt, das jeder in sein ganz normales Fahrrad einbauen kann, egal ob Mountain-, City- oder Hollandrad. In vier verschiedenen Größen ist das „Smart Wheel“ zu haben.

Wie smart ist das denn? In der Radnabe verstecken sich Motor, Batterie, Elektronik und Sensoren für den elektrischen Antrieb. Auch eine Bluetooth-Anbindung ist integriert. Per App kann der Besitzer sich bessere Routen vorschlagen lassen, eine Wegfahrsperre einrichten oder Daten wie Geschwindigkeit, Entfernung und Batteriestand abrufen.
Wie smart ist das denn? In der Radnabe verstecken sich Motor, Batterie, Elektronik und Sensoren für den elektrischen Antrieb. Auch...Foto: FlyKly


Und das Elektro-Laufrad hat Bluetooth: Über eine Smartphone-App namens „BitRide“ lassen sich Daten wie Geschwindigkeit, Entfernung und Batteriestand in Echtzeit abrufen. Ein Trackingsystem zählt die "Mooves", die man am Tag zu Fuß, per Rad oder Bahn zurücklegt und macht sogar Vorschläge für bessere Routen, wenn der Fahrer das will. Und wer das alles nicht braucht, könnte die App als Berliner trotzdem lieb gewinnen: Man kann nämlich mit ihrer Hilfe eine elektronische Wegfahrsperre fürs Fahrrad einrichten. Nur mit persönlichem PIN-Code lässt sich das mit dem „Smart Wheel“ ausgestattete Rad dann wieder aktivieren. Sollte jemand dreimal eine falsche Nummer eingeben, wird der Besitzer umgehend per E-Mail gewarnt. Vielen Radfahrern gefiel die Idee offensichtlich. Denn bis November 2013 kamen bei Kickstarter 700.000 Dollar für das Start-up zusammen. "FlyKly" hat der Zweirad-Enthusiast seine Firma genannt, mittlerweile rollen die „Smart Wheels“ schon durch 60 Länder der Welt.

Das "Smart Ped" hält die Geschwindigkeit für 500 Sekunden konstant

„FlyKly will für urbane Menschen immer schlauere Tools für den Weg durch die Stadt entwickeln“, sagt der Tüftler. Und dazu passt auch Klanseks nächste Idee: Für normale Wegstrecken sei ein Fahrrad oder E-Bike sinnvoll, so der Ansatz. Aber was ist mit Pendlern, die per Auto oder Zug anreisen und dann das letzte Wegstück vom Bahnhof oder Parkplatz aus irgendwie anders zurücklegen müssen? Dafür bräuchte es ein leichtes, transportables und möglichst simples Gefährt. Deshalb verkleinerte Klansek kurzerhand sein „Smart Wheel“ auf 16 Zoll und baute es in einen klappbaren Tretroller ein. 25 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit leistet das Gefährt, nach Angaben seines Erfinders darf es legal auf der Straße und auf dem Radweg fahren.

Rollerunterricht: Fahrrad-Enthusiast und FlyKly-Gründer Niko Klansek erklärt mir, wie das "Smart Ped" funktioniert.
Rollerunterricht: Fahrrad-Enthusiast und FlyKly-Gründer Niko Klansek erklärt mir, wie das "Smart Ped" funktioniert.Foto: Stefanie Möser


Auf den ersten Blick unterscheidet sich der „Smart Ped“-Roller kaum von einem normalen Tretroller. Gebaut wird er dann, wenn Klansek via Crowdfunding bis Ende November 100.000 Euro zusammenbekommt, bei gut 95.000 ist er aber nach nur zwei Wochen schon. Vor der Probefahrt erklärt er mir das Prinzip: Je schneller ich antrete, desto mehr an Unterstützung kommt noch einmal elektrisch dazu. Trete ich nicht mehr, dann hält der Roller seine Geschwindigkeit für exakt 500 Sekunden konstant – egal ob es bergauf oder bergab geht.

Das mühelose Dahingleiten könnte süchtig machen

Ein blaues Licht am Hinterrad zeigt an, dass der Roller startklar ist, also trete ich los. Erst einmal vorsichtig an den Pfützen vorbei, doch dann kommt ein gerader Weg und ich nehme Fahrt auf. Auf dem breiten Trittbrett haben beide Füße bequem Platz, sodass ich sehr stabil und locker stehen kann. Anfangs denke ich ständig: „Jetzt muss ich gleich wieder treten." Aber das ist Quatsch, der Roller rollt und rollt und rollt… Das macht richtig Spaß!

Elf Kilo ist das „Smart Ped“ schwer und kann bis zu 120 Kilo tragen. Da könnte der Nachwuchs hintendrauf theoretisch eine Runde mitdrehen. Die Reifen sind für einen Tretroller ziemlich groß und breit, daher haben sie guten Halt und schaffen es auch kleinere Bordsteinkanten hinauf – zumindest gilt das für die „Premium“-Version, die hat etwas mehr Bodenfreiheit als die Standardvariante - also eine Art SUV unter den Elektro-Tretrollern. Für meinen Geschmack könnte die Trittfläche allerdings etwas rutschfester sein, an Schmuddelwettertagen wie heute würde das helfen.

Zum Mitnehmen: Das Smart Ped wiegt 11 Kilogramm und lässt sich als "Premium"-Version zweifach falten (vgl. Bild). Zusammengeklappt misst es 62 mal 78 mal 35 Zentimeter. In der Variante "Regular" lässt sich nur der Lenker umlegen, sodass die Grundlänge von 135 Zentimetern bleibt.
Zum Mitnehmen: Das Smart Ped wiegt 11 Kilogramm und lässt sich als "Premium"-Version zweifach falten (vgl. Bild). Zusammengeklappt...Foto: FlyKly

Ich cruise vorbei an Passanten, Autos und Hunden. Er ist wendig, der Kleine. Fast drei Ampelkreuzungen schafft das „Smart Ped“ auf der Invalidenstraße, bevor es neuen Anschub braucht. Die Felgenbremsen greifen sehr gut, mit der Nässe kommen sie prima zurecht. Tempo 25 ist allerdings kaum zu schaffen, denn dafür muss man schon sehr fest antreten. Im Stadtverkehr kommt einem dabei ständig etwas dazwischen - man muss ausweichen oder bremsen - sodass dies im Alltag wohl eine theoretische Größe bleibt. Schade, dass wir uns nicht auf dem Tempelhofer Feld getroffen haben.

Ich kurve noch ein letztes Mal erhobenen Hauptes um die Brunnen-Pfützen herum. Recht lässig fühlt sich das an. Ich bin richtig angetan von dem kleinen Roller, denn die Handhabung ist in jeder Hinsicht kinderleicht und das mühelose Dahingleiten könnte süchtig machen. Mir gefallen auch das schlichte Design und die robuste Bauweise – ein passendes Großstadtgefährt für den modernen Pendler.

E-Roller gab es schon vor hundert Jahren

„Der Akku reicht für 30 bis 50 Kilometer“, erklärt mir der Erfinder. Dann muss der Scooter per Ladekabel für etwa zwei bis drei Stunden an die haushaltsübliche Steckdose. Oder man fährt eine Weile bergab. Denn dann gewinnt das „Smart Ped“ über die Motorbremse wieder Strom zurück. Diese Taktik dürfte in Berlin allerdings schwierig werden.

Der Name „Smart Ped“ ist übrigens an den ersten E-Roller der Welt angelehnt. 1915 brachte die Autoped Company aus Long Island, New York, einen motorisierten Roller auf den Markt: Das "Autoped" konnte man wahlweise mit Verbrennungs- oder Elektromotor bekommen. Beliebt war es vor allem bei Postboten, aber auch bei Mafiosi, die das wendige Gefährt angeblich gerne als Fluchtfahrzeug nutzten. 1919 begann auch Krupp in Deutschland damit, „Autopeds“ zu bauen, und tat das bis 1922. So leistete der Roller einen kleinen Beitrag zur Massenmobilisierung. Mal sehen, auf wie viel Bauzeit das „Smart Ped“ es bringt. Der Einstiegspreis liegt bei 699 Euro – das ist kein Preis für ein Spielzeug, aber auch nicht viel für ein motorisiertes Gefährt.

Rollert Berlin also bald elektrisch über die Radwege?

Empfehlenswert ist vor allem die „Premium“-Version. Die kostet zwar 100 Euro mehr, dafür wird der Scooter dann aber mit Schutzblechen, Klappständer und LED-Leuchten geliefert. Außerdem lässt sie sich im Gegensatz zur „Regular“-Version gleich zweifach zusammenfalten und misst dann nur noch 62 mal 78 mal 35 Zentimeter. So lässt sie sich gut im Kofferraum, dem Fahrstuhl oder der U-Bahn transportieren.

Gebaut wird es in Mailand, die Standardfarbe wird Weiß sein. Zum Marktstart gibt es eine limitierte „Christmas Edition“ – für 799 Euro soll der Roller noch vor Weihnachten geliefert werden. Die anderen Varianten kommen 2016, die „Regular“-Version im Februar, alle anderen einen Monat später. Für den Individualisten gibt es eine „Special Edition“, für die viele weitere Farben im Angebot sind. Sie ist technisch identisch mit der „Premium“-Variante und kostet 200 Euro mehr. Außerdem soll es in naher Zukunft noch einige Dinge geben, mit denen sich das „Smart Ped“ weiter individualisieren lässt, etwa Griptape und weitere Rahmendesigns.
Rollert Berlin also bald elektrisch über die Radwege? Spaß macht die Sache jedenfalls definitiv – und es wäre sicher ein ziemlich witziger Anblick.

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