Politik : … die Knoten platzen

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Dies ist die Zeit der ganz großen Gefühle, der Mega- und Giga-Gefühle. Gerhard Schröders verschleierter Jack-Nicholson-Blick beim Zapfenstreich, Hans Eichels sentimentaler Abschied vom Billionenloch – hinter diesen Bildern wühlen Emotionen, die mit dem geschriebenen Wort nicht mehr fassbar scheinen.

Wäre da nicht die Lyrik. Sie allein stellt uns Mittel und Wege bereit, dem Gefühl die passenden Worte an die Hand zu geben, falls man das so sagen kann. Wenn also das Blut pocht und die Synapsen glühen – dann ist die Bühne bereitet für unsere Dichter. Der größte von ihnen heißt bekanntlich Franz Josef Wagner; Angela Merkels absehbare Krönung hat ihn so angerührt, dass er ihr in der „Bild“-Zeitung vom Montag eine Eloge widmen durfte, ja: musste: „German Rose“.

Das Werk hebt noch verhalten, ja geradezu profan an: „Ich hab den 6. Sinn / morgen bist du im Kanzleramt drin.“ Doch diese kaum übersinnliche Vermutung ist nur der Aufgalopp für eine unfassbare Apotheose der Kandidatin. „Oh Rose, German Rose, Schröder war eine tote Hos’ / Oh, German Rose, du hast ein Gesicht / das nach Rosen riecht und wie Rosen sticht“. Nur gesungen wäre noch schöner; wir denken uns an dieser Stelle einen Gospelchor als Hintergrund, dazu Tuten und Blasen satt – und bei „sticht“ den Einsatz des großen Beckens. Zing!

Einer, der spontan seiner Ergriffenheit Luft machte, war der sonst so bissige Henryk Broder, der der werdenden Kanzlerin sofort seine Worte zum Zurückdichten lieh: „Bleib uns erhalten und gesonnen / auf dass wir all das noch bekommen / was uns der Wähler nicht gegeben / Geld und Macht und Wagners Segen“ schrieb er Wagner im Namen von „Deiner Angie“, ein wenig glatt vielleicht im Vergleich zu den ungeschliffen rumpelnden, infarktähnlichen Extrasystolen der Vorlage.

Doch egal: Damit sind die Eröffnungszüge getan. Angies Regierungserklärung wird also ein Gedicht sein – oder sie wird gar nicht sein. Der deutsche November ist ja allemal eine Art Vormärz, und deshalb muss sie sich mit ihrem ganz privaten Wintermärchen an Heine anlehnen: „Die Jungfer Angela ist verlobt / mit dem schönen Soziusse / Der Freiheit. Sie liegen einander im Arm / und schwelgen im ersten Kusse“. Und während Sozius Münte die Lippen leckt, legt sie nach: „Ein neuer Etat, ein bess’rer Etat / es klingt wie Flöten, Posaunen / das Herumgeeichel ist vorbei / die Leitartikler staunen“. Welche Aussichten! „Ja, Steuerbefreiung für jedermann / Sobald die Knoten platzen! / Den Himmel überlassen wir /dem Oskar und den Spatzen!“

So ungefähr könnte es laufen. Neue, lyrische Politik! Dagegen ist Schröder eigentlich schon gar keine Hose mehr. bm

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