Politik : … die SPD ganz neu anfängt

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Weithin unterschätzt ist die Rolle des Gesangs in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Der älteste Vorläufer der SPD, der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“, wurde am 23. Mai 1863 von etwa einem Dutzend Personen gegründet. Der Vorsitzende des neuen Vereins, ein bis dahin auf Ehescheidungen spezialisierter Rechtsanwalt namens Ferdinand Lassalle, galt als Spielernatur, als unermüdlicher erotischer Abenteurer sowie relativ eitler Mensch, was man zum Beispiel daran merkte, dass er während des Redens auf großspurige Weise die Finger in die Armlöcher seiner Weste zu stecken pflegte. Lassalle wollte, dass Schluss ist mit der liberalen Wirtschafts und Sozialpolitik, von der damals alle Parteien und sämtliche Zeitungen sagten, dass es zu ihr keine Alternative gibt. Eine der ersten Taten des neuen Vereins bestand darin, sich ein fetziges Vereinslied zuzulegen. Refrain: „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“

Lassalle starb früh. Er verblutete, nachdem ihn einer der zahlreichen unter seiner Mitwirkung betrogenen Ehemänner zum Duell gefordert hatte. Die tödliche Kugel traf den Arbeiterführer ausgerechnet in jenes besonders verletzliche Körperteil, das den Streit zwischen den beiden Herren ursächlich ausgelöst hatte. Das Verhältnis zwischen Lassalle und August Bebel muss man sich ähnlich vorstellen wie das Verhältnis zwischen Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder. Direkt Freunde waren sie nicht. Als Bebel im Eisenacher „Hotel zum Mohren“ einen Konkurrenzverein zu Lassalles Truppe gründete, stellten sich die Anhänger von Lassalle vor das Hotel und sangen mit aller Kraft „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“, und zwar so laut und so lange, bis die Bebelfreunde das Tagungslokal verließen und sich draußen mit den – immer noch singenden! – Lassalleanern eine Massenprügelei lieferten. Mit diesem Ereignis beginnt gewissermaßen die an Streitkultur so reiche Geschichte der SPD.

Die von einer Hand voll Personen vollzogene Gründung eines Vereins, der sich als linke Alternative zur SPD versteht, erscheint wie eine Wiederholung im Format eins zu eins. Irritierend an der „Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit“ wirkt vor allem das völlige Fehlen eines Vereinsliedes. Die Schröderianer dagegen besitzen eine moderne Fassung von „Alle Räder stehen still“. Sie heißt: „Hol’ mir mal ’ne Flasche Bier, sonst streik’ ich hier.“ mrt

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