Politik : ...die Welt nach Oklahoma blickt

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Die Geburt der wirklich zukunftsweisenden Erfindungen geht oft unter im Getriebe der Geschichte – und der Urheber gleich mit. Das ist ungerecht, und deshalb erinnern wir heute gern an Carl C.Magee, der die Parkuhr erfand; am 16.Juli 1935 wurde das erste Exemplar in Oklahoma City aufgestellt. Eine Ikone des Autozeitalters! Gegenwärtig wächst vermutlich die erste Generation auf, die zwischen lauter SolarParkscheinautomaten das Original nicht mehr kennen gelernt hat.

Für sie eine kurze Erläuterung: Unter der eigentlichen Parkuhr befindet sich ein massiver, rempelfester Ständer, der sich oben gabelt, wo zwei keulenförmige Zeitanzeiger herauswachsen. Hinter Glas leuchtet ein kleines rotes Parkverbotszeichen, aber nur, bis wir einen Groschen eingeworfen und ihn durch eine Drehung am Griffknebel, krääätsch!, in den Münzbehälter versenkt haben. Klonk! „Abparken“, erläuterte der Duden einst mit gerümpfter Nase, sei der Vorgang, dass ein Autofahrer das noch vorhandene Zeitguthaben des weggefahrenen Vorgängers nutze, ohne selbst zu zahlen.

1935 – da gab es in Oklahoma City schon reichlich Autos. In Deutschland dagegen, wo es verkehrstechnisch ruhiger zuging, wurden in dieser Zeit die Autobahnen gebaut, die aus heutiger Sicht ein Triumph populistischen Regierens sind. Denn nie wäre irgendjemand auf die Idee gekommen, nach dem Krieg zu argumentieren, Hitler sei zwar ein Verbrecher gewesen, aber er habe immerhin die Parkuhr eingeführt. Das hat er natürlich geahnt. Folglich ist auch kein Fall bekannt, dass Fehler im Regierungshandeln Theodore Roosevelts mit Hinweis auf die Parkuhr entschuldigt wurden.

Dennoch: Wie wichtig ist sie uns geworden in ihrer zeitgemäßen Form! Jeder, der heute nur eine halbe Stunde vor dem Bahnhof Zoo parkt, finanziert damit nicht nur das Kontrollpersonal, sondern auch das Blumenbeet auf der Mittelinsel und einen halben Fagottlehrer an der Charlottenburger Musikschule. Abparken, das geht längst nicht mehr. Jeder muss zahlen, womit auch das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit gegen neoliberale Ellbogenmentalität gesiegt hätte, wenngleich eine Gebührendifferenzierung nach dem Motto „Breitere Reifen können mehr tragen als schmale“ durchaus erwägenswert scheint.

Der Punkt geht also klar an Roosevelt und seinen Carl Magee. Denn die populistischen Autobahnen sind längst verstopft, während der Appetit der Parkuhrnachfolger unersättlich zu sein scheint. Demnächst tauchen sie vermutlich auch am Autobahnrand auf. Stau? Bitte werfen Sie einen Euro für 15 Minuten Standzeit ein. Die Fagottlehrer werden es uns danken. bm

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