Politik : ...Kritiker gesucht werden

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Lauter solide Berufe, abgesichert durch langjährige Praxis, Gewohnheitsrecht, Tarifverträge: Kritiker. Musikkritiker, Filmkritiker, Theaterkritiker – alle verdienen ihr Brot und müssen sich keine Sorgen wegen fehlenden Nachwuchses machen. Eine besondere KritikerUntergruppe, die des Kirchenkritikers, ist dagegen in den letzten Jahren an den Rand gedrängt worden, ja, man könnte sogar sagen, dass sie unter Nachwuchsmangel leidet und deshalb manchmal sogar von Politikern im Nebenberuf wahrgenommen wird – doch denen fehlen Zeit und Ausbildung, um auf eine der raren Planstellen zu rücken.

Kirchenkritiker: Die Berufsbezeichnung täuscht ohnehin ein wenig, denn die meisten Weltkirchen kommen weitgehend ohne öffentliche Kritik zurecht, der Islam hat mit Salman Rushdie genug zu tun, und im Protestantismus ist die Kritik ja gewissermaßen schon Bestandteil des Denkgebäudes und bedarf keiner Institutionalisierung durch externe Experten. Sagen wir also: Papstkritiker.

Es gibt, streng genommen, in Deutschland nur zwei Planstellen für diese Aufgabe. Eine wird von Eugen Drewermann eingenommen – besonderes Kennzeichen: kuschelige Strickjacke –, die andere scheint allmählich von Karl Küng auf Gottlob Hasenhüttl überzugehen. Der zeichnet sich durch besondere Schnelligkeit aus und wusste schon in ersten Stellungnahmen präzise zu benennen, welche Verstöße gegen den Geist der modernen Theologie der neue Papst in den kommenden Monaten begehen wird.

Das aber ist entschieden zu wenig. Ganz sicher wird die Wahl eines deutschen Papstes besondere Anforderungen an den Berufsstand seiner deutschen Kritiker stellen. Papstkritik muss in Zukunft im doppelten Sinne des Wortes geübt werden, sie hat sich der modernen Technik zu öffnen und Rücksicht zu nehmen auf Menschen, die nicht in der Lage sind, theologischen Disputen zu folgen. Denkbar wäre eine Formalisierung nach dem Muster des Sports, die beispielsweise Noten vergibt für gedankliche Präzision, scholastische Gewandtheit und Schönheit der Argumentation.

Noten für die sprachliche Ausführung allerdings werden wohl zunächst nur im Fach Latein vergeben werden, denn das Italienisch des neuen Oberhirten erinnert Beobachter ein wenig an Michael Schumacher, der bislang in Italien als größter deutscher Meisterdenker gilt. Kein Zweifel, dass er zurücktreten muss hinter den neuen Papst, der sich ohnehin nicht für das Herumfahren im Kreis interessiert und offenbar nicht von Ferrari, sondern von Volkswagen mit einem neuen Mobil ausgerüstet wird. Vielleicht dürfen die Kritiker wenigstens einmal Probe fahren. bm

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