Politik : … Weihnachten still ist

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Niemand wird bestreiten wollen, dass Musik keine Geschmacksache ist. Niemand, der einmal vor Karl Moik, die Casting- Show oder ins Weihnachtsgeschäft geraten ist. Gerade im Weihnachtsgeschäft ist Musik keine Geschmacksache. Geschenkekauf wird nahezu unmöglich, wenn man dabei „Jingle bells“, „Süßer die Glocken nie klingen“, „Rudolf, the red nosed rendear“ oder „De herdertjes lagen bij nachte“ hört. Letzteres ist auf niederländisch und ebenfalls nervtötend. Möglicherweise ist damit, also mit der Beschallung im Einzelhandel, bald Schluss. Weil die Holländer nämlich von den Amerikanern gelernt haben.

Die Amerikaner wollten kurz vor Weihnachten 1989 ihren alten Kumpel und Kolumbiens Präsidenten Manuel Antonio Noriega wegen Drogenhandels verhaften. Die näheren Umstände sollen jetzt außer Acht gelassen werden, auch der, warum die USA nur 24 000 Soldaten nach Panama schickten, um einen einzigen Drogendealer festzunehmen. Noriega floh in die Botschaft des Vatikans. Die Amerikaner setzten ihn unter Rockmusik-Beschuss. Elf Tage hämmerten sie ihm und dem Vatikan-Botschafter Bässe und Drums um die Ohren, dass es für jeden Headbanger die reinste Freude gewesen wäre. Noriega ist kein Headbanger. Noriega gab auf. Nun zu den Holländern.

In Rotterdam haben sie dem Umstand Rechnung getragen, dass Weihnachtslieder keine Geschmacksache, sondern in Permanenz abgespielt nervtötend sind. Die Behörden beschallen dort in diesen Tagen öffentliche Plätze sehr laut und sehr intensiv und sehr andauernd mit Weihnachtsmusik. Angefangen haben sie damit in der Zuidplein-Metrostation, ein Ort, an dem Rotterdams Jugendgangs besonders gern rumhängen. Sehr laut und sehr intensiv und sehr permanent dröhnen von einer Orgel weihnachtliche Kinderlieder. Nach fünf Minuten, so ein Sprecher der Stadt, waren all die aggressiven Jugendgangs verschwunden. Jetzt ist es friedlich. Auch aggressive Jugendgangs mögen offensichtlich keine weihnachtlichen Kinderlieder. Damit ist der Beweis erbracht, dass Weihnachtsmusik die Eigenschaft besitzt, Menschen zu vertreiben.

Es wäre ein feines Weihnachtsgeschenk, wenn die Rotterdamer Behörden die Erkentnisse ihres Experiments in einer Studie zusammenfassen könnten. Die wird an alle Geschäftsführer der Kaufhäuser dieser Welt verteilt. Nach Lektüre wird den Managern mulmig zumute werden, sie müssen Umsatzeinbrüche durch Kaufhausflucht befürchten. Und dann schalten sie die Musik ab und Rotterdams aggressive Jugendgangs haben auf diese Weise auch mal etwas Gutes für die Menscheit getan.uem

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