Politik : ...wir lieber den Fahrstuhl nehmen

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Die deutsche Krankheit hat ihren Niederschlag in letzter Zeit in zahlreichen Stürzen gefunden. Es stürzen Regierungen und Politiker, Betriebsräte und Vorstandsmitglieder, und praktisch immer stecken die beiden weltweit führenden Sturzgründe dahinter: Geld und Sex, einzeln oder in Kombination. Nun ja, werden die Betroffenen sagen, das haben wir nicht gewusst, warum hat uns bloß niemand rechtzeitig gewarnt?

Der normale Arbeitnehmer hat es einfacher. Er wird von unzähligen Einrichtungen vor praktisch allem gewarnt, und das offenbar mit großem Erfolg. Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, eine Art AlarmDachverband, zieht jetzt eine positive Bilanz: Von einem Jahr aufs andere ist die Zahl der Stürze im Betrieb um 22 Prozent zurückgegangen. Ein unglaubliches Phänomen, das sich der Verband nur als Erfolg seiner eigenen Kampagne erklären kann; zu ihr gehören Merksätze wie jene, man möge beim Hinauf- wie beim Herabsteigen von Treppen immer den Handlauf benutzen und alle vorhandenen Lichtquellen einschalten. Geld und Sex werden freilich nicht erwähnt, und auch andere erprobte AntiSturz-Rezepte wie „Nie gleichzeitig Treppensteigen und Kaugummi kauen“ oder „Lieber den Fahrstuhl nehmen“ kommen in der Mitteilung nicht zur Sprache. Wir ergänzen sie deshalb gern – und sind doch misstrauisch.

Denn die Berufsgenossenschaften lassen sich womöglich durch Zahlen blenden, die den Blick auf die Realität verstellen. Ist es nicht vielmehr so, dass der Arbeitnehmer, der früher mit einem Lied auf den Lippen die Treppe zum Ausgang hinunterhüpfte und dabei leicht auf die Nase fiel, heute nur noch depressiv und damit unfallfrei schlurft? Hat er nicht, vom Höllentakt der Globalisierung längst überholt, mehr als genug Zeit, den Lichtschalter zu suchen und sorgfältig den Handlauf zu packen, wo es früher auf jede Sekunde ankam?

Lassen wir dem Hauptverband seine Erfolgsbilanz. Denn klar ist ja, dass viele bedeutende Persönlichkeiten, Betriebsräte, Vorstände, dieser Tage ungestürzt im Amt wären, hätte sich nur eine Berufsgenossenschaft ihrer Belange angenommen. Eine Berufsgenossenschaft, die ihrer Warnpflicht genügt und zeitgemäße Ratschläge erteilt: Beim Gründen von Tarnfirmen immer zuverlässige Strohmänner einsetzen! Nie Callgirls im Firmenjet einfliegen lassen! Beim Saufen im Fünf-Sterne-Hotel nie andere Gäste beleidigen!

Dafür ist es nun zu spät. Unser Rat: Machen Sie wenigstens im Fahrstuhl das Licht aus. Damit lässt sich das Schlimmste vielleicht noch verhüten. bm

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