Politik : … wir Zahlen wollen

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Zahlen, bitte! Von denen können wir gar nicht genug bekommen. Zahlen sind sauber, wertneutral, ideologiefrei und immer verfügbar. Picken wir uns eine per Zufall heraus? 327. Nicht einmal bei Attac würden sie dieser 327 irgendetwas nachsagen können. Sie ist weder neoliberal, noch leistet sie der internationalen Spekulation Vorschub oder vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich. Sie steht einfach nur stark da.

Nun ist die 327 ein einfaches Beispiel, nichts, was Profis vom Stuhl reißt. Die brauchen stärkeren Stoff, zum Beispiel den hier: 2 hoch 30 402 457 minus 1. Kenner merken sofort: Das ist eine Primzahl, und zwar die soeben entdeckte größte überhaupt. Über neun Millionen Stellen hat das Ding, ausgeschrieben, und die beiden amerikanischen Professoren, die es gefunden haben, sind sicher: Das ist durch nix und niemand teilbar. Kein hochbegabter Rotzlöffel wird daherkommen und mitteilen, das könne man locker durch 17 dividieren und warum das denn keiner gesehen habe?

Das ist also Wissenschaft in ihrer reinsten Form. Entdeckt? Der offizielle Begriff klingt so, als hätten die Forscher in irgendeinem Primzahlbergwerk jahrelang mit dem Taschenrechner herumgeklopft, bis dann, klonk, dieses ungeheuer lange Ding herausfiel und sich vor den Grubenlampen der Forscher zu voller Länge ausrollte. Aber auch das ist wieder Laienfantasie. In Wirklichkeit haben einfach 700 Computer so lange herumgerechnet, bis sie die Zahl hatten.

Und nun? Suchen sie die nächste, größere. Und das, obwohl Primzahlen prinzipiell zu nichts Besonderem taugen. Fragt man nach, ist viel von Signalübertragung und Verschlüsselungstechnik die Rede. Aber was nützt eine Verschlüsselung, zu der man 700 Computer braucht – und außerdem einen Lastzug für die ausgedruckten Seiten? Man muss sich das wohl so vorstellen, dass es unter uns ein paar Freaks gibt, die Dinge einfach deshalb suchen, weil sie nun einmal da sind.

Der Entdecker der bisher höchsten Primzahl, ein schwäbischer Zahnarzt, hat offenbar nebenberuflich geforscht, vermutlich während die Patienten auf das Aushärten des Klebstoffs unter der Krone warteten. Wir in der Redaktion machen jetzt auf unseren Computern auch ein wenig mit. Hier das erste Ergebnis: 2 hoch 36 607 321 minus 1. Eine wissenschaftliche Sensation, leider noch unbewiesen, aber das kann ja jemand anders machen. Ach, Herr Ober: Noch einen Espresso! Und Zahlen, bitte. bm

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