Politik : 10 Jahre Währungsunion: Einigkeit und Markt und D-Mark (Leitartikel)

Heik Afheldt

Keinem wird es schlechter gehen, allen besser. Das versprach Helmut Kohl den DDR-Bürgern vor zehn Jahren. Die Kraft der D-Mark sollte das bewirken. Andere hatten daran große Zweifel und warnten vor fatalen Folgen, falls die DM zu früh und zu einem zu "freundlichen" Umtauschkurs in Ostdeutschland eingeführt würde. Aber Kanzler Kohl, von Kenntnissen über Wirtschaft wenig belastet, hatte das Gespür für die historische Situation. Er fühlte, wie sehr die Mark zum Symbol der Hoffnung in der DDR geworden war. Theoretisch hätte es eine Übergangszeit mit getrennten, konvertiblen Währungen geben können, um die notwendige Anpassung der Strukturen im Osten sanfter ablaufen zu lassen. Politisch aber gab es zur sofortigen Einführung der D-Mark keine Alternative.

Heute, zehn Jahre nach der Währungsunion, fragen wir: War das wirklich von Übel? War die noble Tauschrelation tatsächlich ein Danaergeschenk - ein verhängnisvoller Stolperstein auf dem schwierigen Weg der maroden DDR-Wirtschaft in eine blühende Zukunft? Zur heutigen Bilanz zehn Jahre Währungsunion gehört sicher auch: Sie hat im ganzen Land zu einer Umlenkung - und zum Teil zur Vergeudung - erheblicher Ressourcen geführt. Das erklärt, weshalb Deutschland im internationalen Vergleich von Wachstum und Beschäftigung heute nicht gut dasteht. Aber für die neuen Bundesländer fällt die Bilanz ganz überwiegend positiv aus. Vieles hat sich seither dort dramatisch gebessert. Die Städte und Dörfer sind schöner geworden, die Umwelt ist merklich entlastet, die Infrastruktur ist oft moderner als im Westen. Die Einkommen erreichen im Durchschnitt 82 Prozent des Westniveaus. Heute wissen wir aber auch: Der wirtschaftliche Umbau- und Aufholprozess braucht sehr viel länger als 1990 erhofft und prophezeit. Vor allem, und das empfinden viele Menschen in den neuen Bundesländern am Schmerzlichsten, vollzieht sich der Aufbau neuer Arbeitsplätze so schleppend.

Es gab im Vorfeld der Währungsunion und in den ersten Jahren danach viele Fehleinschätzungen und auch massive Fehler. Aber sie sind im Grunde verständlich. Niemand hatte zuvor ein derartiges Mega-Experiment einer Transformation einer ganzen Volkswirtschaft im Zeitraffer erlebt. Keiner konnte voraussehen, wie gewaltig der Sanierungsaufwand sein würde, entpuppte sich doch die gesamte DDR-Wirtschaft plötzlich als ein einziges Potjemkinsches Dorf. Wohl fanden sich damals auch Prognosen, die von bis zu 1000 Milliarden D-Mark Transferbedarf sprachen und mit einem Verlust von bis zu 1,5 Millionen Industriearbeitsplätzen rechneten. Aber diese Stimmen blieben in der Vereinigungseuphorie weitgehend unbeachtet. Und kaum einer hat sich Gedanken über die enormen sozialen Kosten der Transformation, über die psychischen Belastungen für die Betroffenen gemacht. Kaum ein Betrieb hatte ja mit seinen unattraktiven und zu teuren Produkten Chancen, alle Mitarbeiter weiter zu beschäftigen. Plattgemacht hat eben nicht nur die Treuhand, sondern auch der scharfe Wind des Wettbewerbs, den die Währungsunion nur zusätzlich anfachte.

Die zehn Jahre Leben mit der D-Mark und der Marktwirtschaft haben von den Menschen im Osten große Opfer verlangt. Manche Schmerzen wirken bis heute fort. Ohne die symbolträchtige schnelle Währungsunion hätte es aber einen Graben durch Deutschland gegeben, der das Zusammenwachsen beider Teile des Landes unmöglich gemacht hätte. Die ökonomisch falsche Tat war wegen ihrer patriotischen Dimension am Ende die einzig richtige.

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