100 Tage NSU-Prozess : Jacob Hösl: "Es tritt eine familiäre Atmosphäre ein"

Jacob Hösl verteidigt im NSU-Prozess den Angeklagten Carsten S. und er sieht in seinem Zwischenfazit nach 100 Tagen den Prozess nicht im Stocken und er beschreibt, wie man sich auch heiteren Situationen nicht verschließen kann.

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Verteidiger Jacob Hösl mit seinem Mandanten Carsten S. im NSU-Prozess.
Verteidiger Jacob Hösl mit seinem Mandanten Carsten S. im NSU-Prozess.Foto: dpa

Wie fühlen Sie sich nach bald 100 Tagen NSU-Prozess?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Bezogen auf den Prozess hat es zwei Seiten. Einerseits ist es etwas Außerordentliches und der Gegenstand des Verfahrens erinnert einen ja auch immer wieder daran. Andererseits muss ich sagen, dass ich inzwischen meinen Reisekoffer für die Verhandlungstage in München fast schon im Schlaf packen kann. Also, der Prozess hat auch für mich eine gewisse Routine bekommen.

Wie ertragen Sie die Bilder der getöteten Opfer?

Sich Fotos von den Opfern in überdimensionaler Größe auf die Leinwand projiziert anzusehen hat etwas eigenartig Abstraktes und doch sehr unmittelbar Wahrnehmbares. Die Fotos geben ja die Vorstellung wieder, wie die abgebildeten Personen gewaltsam zu Tode gebracht wurden. Und in Kombination mit den nur vordergründig trockenen Ausführungen der Gerichtsmediziner und den Aussagen der Angehörigen wird die Tragweite einer solchen Tat erst deutlich. Das ist für mich etwas Furchtbares und gleichzeitig auch Unfassbares. Wenn ich diese Fotos ansehe, ruft dies bei mir jedes Mal dieses Gefühl hervor.

Welcher Verhandlungstag war für Sie der härteste?

Es ist nicht leicht, diese Frage bei 100 Verhandlungstagen zu beantworten. Es gab ja sehr lange Verhandlungstage, was natürlich anstrengend war. Ich möchte auch nicht das Wort „hart“ für einen Verhandlungstag verwenden, sondern lieber „anstrengend“. Für mich und für uns waren sicher die Verhandlungstage, an denen unser Mandant sich geäußert hat, die anstrengendsten.

Im Prozess wird ab und zu auch gelacht. Stört Sie das oder lachen Sie mit?

In einem Verfahren, wie diesem und bald 100 Verhandlungstagen, an denen man dieselben Menschen in steter Regelmäßigkeit wieder trifft und mit ihnen den ganzen Tag in der einen oder anderen Art und Weise mehr oder weniger intensiv kommuniziert, tritt natürlich eine gewisse „familiäre Atmosphäre“ ein. Dies führt auch dazu, dass situationsbezogen gelegentlich gelacht wird. Von außen betrachtet mutet das sicherlich befremdlich an angesichts des Gegenstands des Prozesses. Aber ich muss sagen, dass ich mich den manchmal heiteren Situationen auch nicht verschließen kann und ich dann auch mitlache.

Hat die Hauptverhandlung Ihr Leben und das Ihrer Angehörigen verändert?

Ja, eindeutig. Es hat die Situation in meinem Büro vollständig verändert und viele Verfahren, die ich vorher gemacht habe, kann ich Moment überhaupt nicht betreuen. Ich muss sehr viele Mandanten wegschicken. Aber auch der Umstand, die Hälfte der Woche nicht zuhause zu sein, beeinträchtigt mein Privatleben ganz erheblich. Inzwischen ist auch der anfängliche Reiz, in einem Hotel mit seinem Service zu leben, doch ziemlich verflogen.

Was hat die Beweisaufnahme bislang gebracht? Wo steht der Prozess?

Ich denke, die Beweisaufnahme ist inzwischen doch recht weit fortgeschritten. Es sind sicherlich noch viele wichtige Dinge aufzuklären, aber auch hier werden stetig Fortschritte gemacht. Allerdings, und dies hat man ja auch in der Vergangenheit gesehen, kommt es immer wieder zu unvorhergesehenen Ereignissen. Das erweckt dann den Anschein, als stocke der Prozess. Insgesamt glaube ich das aber nicht.

Haben Sie den Eindruck, der Vorsitzende Richter Manfred Götzl ist der Dimension des Verfahrens gewachsen?

Ich denke, so ein Verfahren wirkt auf jeden Beteiligten mit seiner eigenen Persönlichkeit unterschiedlich. Jeder Beteiligte verarbeitet den Prozess und agiert und reagiert in unterschiedlicher Art und Weise. Ich habe bisher keine Anhaltspunkte dafür, dass der Vorsitzende oder der Senat dem Verfahren nicht gewachsen sein sollten. Aber natürlich gehe ich davon aus, dass dieses Verfahren auch für den Strafsenat und den Vorsitzenden Richter mit unglaublich viel Arbeit und hohen Belastungen verbunden und auch etwas Besonderes ist. Auf dem Gericht liegt eine sehr große Verantwortung, dass der Prozess auch zu einem Ende geführt wird. Dem Vorsitzenden Richter – und dem Senat – ist immer wieder anzumerken, dass dies eine Sorge ist, die sie umtreibt und die sie sehr ernst nehmen.

Halten Sie es beim jetzigen Stand der Hauptverhandlung für wahrscheinlich, dass Beate Zschäpe und die vier Mitangeklagten verurteilt werden?

Hierzu kann ich im Moment nichts sagen. Wir sind ja noch mitten in der Beweisaufnahme.

Welche Lehren ziehen Sie für sich und Ihre Arbeit aus dem Prozess?

Ich ziehe aus dem Prozess viele Erfahrungen, Lehren würde ich das nicht nennen. Natürlich lerne ich viel von den Kollegen und den anderen Verfahrensbeteiligten und deren Agieren im Prozess.

Haben Sie noch Kraft für weitere 100 Tage?

Ja.

Jacob Hösl ist Rechtsanwalt in Köln. Er verteidigt den Angeklagten Carsten S.

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