15. Jahrestag : US-Muslime fürchten den 11. September

Das muslimische Opferfest und das Gedenken an die Terroranschläge fallen in diesem Jahr zusammen. Amerikas Muslime befürchten nicht nur deshalb Gewalttätigkeiten.

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New Yorks Inferno. Am 11. September 2001 steuerten Islamisten Passagierflugzeuge ins World Trade Center.
New Yorks Inferno. Am 11. September 2001 steuerten Islamisten Passagierflugzeuge ins World Trade Center.Foto: imago/Levine-Roberts

Für Muslime in der ganzen Welt steht eines der höchsten Feste im Jahr bevor: Eid al Adha, das Opferfest, mit dem an den Propheten Abraham erinnert wird. Bei den rund drei Millionen Muslimen in den USA mischen sich jedoch Sorgen in die Freude. Denn der Vorabend und damit der Auftakt des mehrtägigen Festes, dessen Datum nach dem Mondkalender berechnet wird und sich deshalb jedes Jahr ändert, fällt diesmal ausgerechnet auf den 15. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 am Sonntag. Ein potenziell gefährlicher Zufall.

Angesichts der ohnehin bereits aufgeheizten anti-muslimischen Stimmung im Land fragen sich viele, ob sie ein Risiko eingehen, wenn sie am 11. September trotzdem feiern. Nicht muslimische Amerikaner „werden uns sehen und denken, wir feiern die Zerstörung der Zwillingstürme“ in New York, schreibt ein muslimischer Twitter-Nutzer. Seit den Al-Qaida-Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington betrachten viele Amerikaner den Islam als Gefahrenquelle. Laut einer Umfrage sind 57 Prozent der Amerikaner überzeugt, die Werte des Islam passten nicht zu denen der USA.

Auch ohne Opferfest erzählt der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump seinen Anhängern, Muslime hätten am Tag der Anschläge vor 15 Jahren auf der Straße getanzt. Jetzt werde Trump am 11. September tatsächlich feiernde Muslime sehen, kommentiert ein besorgter Muslim auf Twitter. Bei Trump erscheint die Minderheit der Muslime – die nur rund ein Prozent der Gesamtbevölkerung der USA stellen – als Ansammlung blutgieriger Extremisten. Nach dem Anschlag von Orlando im Juni, bei dem ein Muslim in einer Homosexuellen-Bar 49 Menschen tötete, warf Trump den Muslimen vor, Gewalttäter aus ihrer Mitte zu schützen, statt sie an die Behörden zu melden. Im Juli legte er sich mit den Eltern eines muslimischen US-Soldaten an, der im Kriegseinsatz im Irak getötet worden war. „Trump hat die Muslime mehr oder weniger zum Feind erklärt“, fasst das Magazin „The Atlantic“ zusammen.

Hooper rät Muslimen, am 11.September vorsichtig zu sein

„Noch nie war es so schlimm“, sagt Ibrahim Hooper, Sprecher des Islam-Dachverbandes CAIR, im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Hooper rät Muslimen, am 11. September vorsichtig und wachsam zu sein. Auch Geistliche machen sich Sorgen. Manche könnten sich versucht sehen, etwas aus dem Kalenderzufall „zu machen“, sagt der Präsident des Islam-Zentrums auf Long Island bei New York, Habeeb Ahmed. Daher sind viele US-Muslime unsicher, ob sie am 11. September zum Gottesdienst gehen und Familienbesuche absolvieren sollen.

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Mord an Imam: New Yorks Muslime klagen Trump an
Mord an Imam: New Yorks Muslime klagen Trump an

Im Alltag des Landes bekommen Muslime nach eigenen Angaben immer wieder den Hass, das Misstrauen und die Abneigung der Mehrheitsgesellschaft zu spüren. Nach dem Mord an einem Imam und dessen Begleiter in New York im August sprechen die Familien der Opfer von einem anti-muslimischen Hassverbrechen. Der Islam-Verband CAIR hat den Verdacht, dass auch der Tod einer muslimischen Frau, die kürzlich in New York niedergestochen wurde, mit der Religion des Opfers zu tun hatte. Nicht immer geht es um tödliche Gewalt. In Massachusetts leitete die Justiz jetzt ein Menschenrechtsverfahren gegen die Behörden in einer Kleinstadt an, die sich ohne triftigen Grund geweigert hatten, die Genehmigung zur Einrichtung eines muslimischen Friedhofs zu erteilen.

Während sich die amerikanischen Muslime auf den schwierigen Festtag vorbereiten, rüsten sich auch die amerikanischen Behörden fürs Wochenende. Die Vertretung des Heimatschutzministeriums in New Jersey warnte, niemand solle die falschen Schlüsse aus dem Datums Zufall ziehen. Ob das hilft, ist offen: Amerika werde trauern, aber Millionen von Muslimen würden feiern, schreibt eine Trump-Anhängerin auf Twitter.

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