25 Jahre Deutsche Einheit - auch in der Literatur? : Der Wenderoman im Wandel der Zeiten

Wo bleibt das Buch zum Mauerfall? Anfangs wurde nach ihm gerufen, dann wurde der Ruf zur Plage – aber es geht weiter.

Sabrina Wagner[Frankfurt am Main]
Helden wie wir! Bücher wie wir? Das Thomas-Brussig-Buch von 1995 startete den Run auf "Ost-Bücher" und manches wurde dieses auch verfilmt.
Helden wie wir! Bücher wie wir? Das Thomas-Brussig-Buch von 1995 startete den Run auf "Ost-Bücher" und manches wurde dieses auch...Foto: dpa

Ein warmes Dämmerlicht liegt über den gut gefüllten Stuhlreihen im Plenarsaal der Frankfurter Paulskirche. Nur Stuhl und Tisch auf der Bühne vor der silbern glänzenden Orgel werden von einem einzelnen Scheinwerfer heller angestrahlt, eine Lesung soll stattfinden. Durch die hohen Fenster fällt immer wieder Licht von draußen. Für eine Woche rund um den Jubiläumstag der Deutschen Einheit werden Schriftzüge an die Außenwand der Kirche projiziert, deutsch-deutsche Wortfusionen, „Deluxe Grilletta“ neben „Astrein Subbotnik“, und es könnte kaum besser passen.

Der Abend trägt den Titel „Wende im Roman“. Nacheinander lesen die Schriftstellerin Katja Lange-Müller und ihre Kollegen Ingo Schulze und Uwe Tellkamp Romanausschnitte und Erzählungen über die Zeit um 1989/90. Doch der Funke zum Publikum will nicht recht überspringen. Ist vielleicht das Zuhören im Dämmerlicht allzu behaglich? Oder sind die Erwartungen zu hoch und die Symbolik dieser Lesung zu groß gewesen?

Manche Pointe muss der Ost-Autor dem Westpublikum erklären

Die Frankfurter Paulskirche – einer der deutschesten aller deutschen Gedenkorte demokratischer Freiheit und nationaler Einheit – ist auch ein Ort der Literatur, ein Ort, der insbesondere für die politisch-gesellschaftliche Bedeutung der Literatur steht. Und an diesem Septemberabend lesen hier nun diese in der DDR geborenen Autoren von DDR und Wende. Ihr Publikum an diesem Abend: ganz bundesrepublikanisch-bildungsbürgerlich im besten Rentenalter. So manche Pointe mit einem Seitenhieb auf die DDR-Wirklichkeit muss Schulze erklären, als die Lacher ausbleiben.

Literatur als Vermittlerin und Erinnerungsspeicher: Was der Historiker allein nicht einzufangen vermag, können Romane abbilden. Rund um Mauerfall und Wende sind es die sogenannten Wenderomane. Aber was genau ist das eigentlich, ein Wenderoman? Und welche Bedeutung hat er?

Ingo Schulze äußert Unbehagen: „Schon das Wort Wende finde ich blöd. Das hat Egon Krenz damals initiiert, alle haben es nachgesprochen, und nun bekommt man es nicht mehr aus der Welt. Aber ich weiß ja, was damit gemeint ist.“ Schließlich definiert er den Wenderoman so: „Das ist ein Roman, der den Wechsel von Abhängigkeiten, von Freiheiten zu beschreiben versucht, der um 89/90 stattfand, wo sich alles geändert hat im Osten.“

Schulze, Katja Lange-Müller und Uwe Tellkamp haben je einen oder mehrere solcher Wenderomane geschrieben. Schulze feierte seinen Durchbruch 1998 mit „Simple Storys“, den Alltagsgeschichten der kleinen Leute aus dem Osten kurz nach der Wende. Seitdem gilt er mit zahlreichen Romanen und Essays als DDR-Chronist schlechthin. Lange-Müller widmete mit ihrem Roman „Böse Schafe“ (2007) dem geteilten Berlin der späten 80er Jahre ein bewegendes Porträt. Tellkamp lieferte 2008 mit „Der Turm“ eine Hymne auf das in den Nischen der DDR konservierte deutsch-humanistische Bildungsbürgertum. Die gleichnamige Verfilmung von 2012 läuft inzwischen in Dauerwiederholung.

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